Posts filed under 'Persönliches'
Am Samstag, den 30. Dezember ist Peter Lipps, Autor dieses Blogs, im Beisein seiner Familie und Freunde vollkommen unerwartet verstorben. Seine Familie, seine Freunde, seine Kollegen und Schüler trauern um ihn.
1 Kommentar January 2nd, 2007
Mit der Weihnachtspost von Traute und Günther E. erreichte uns ein knallgelbes Büchlein mit blauen Buchstaben und einem Foto eines Zitronenzweiges: „Kennst du das Land …?“ Ja, „jeder braucht seinen Süden.“ So betitelt der Schweizer Iso Camartin, vielseitiger Schriftsteller und Kulturmanger, sein kleines Buch in der Suhrkamp-Reihe „Bibliothek der Lebenskunst“, ein lebendiges, kluges, vielseitiges Brevier. Nun, sein Süden sind die Inseln des Mittelmeers, Sizilien vor allem, unserer dagegen die Provence mit dem Zentrum Luberon. Und im Kapitel „Die blaue Stunde“ berichtet Camartin tatsächlich auch von Cézanne und seinem ungeheuerlichen Blau. Gleich in der Einleitung zitiert er übrigens Ungaretti mit dem „südlichste(n) Gedicht aller Zeiten“:
Mattina
M’illumino
d’immenso
Morgen
Ich erhelle mich / aus Unendlichem
Morgen
Ich erleuchte mich / durch Unermeßliches
(Ingeborg Bachmann)
Kommentieren December 29th, 2006
Am Gewitternachmittag lud mich Hermann zur Fahrt nach Marseille ein. Wir hatten Glück, denn vor der Küste hörte der Regen auf, und zuweilen glänzte das Meer unter den Wolkenballen. Nur über der Stadt stand lange eine schwarze Wand, vor der sich leuchtend die Häuser, aufblitzend die Möwen abhoben. Im Stau auf der Hochbrücke gab es gute Gelegenheit, auf den Hafen zu schauen und im Stau in der Innenstadt den Fortschritt im Gleisbau der Straßenbahn wahrzunehmen. Zuletzt fanden wir in der Rue Saint Savournin nahe der kleinen Galerie Justine Lacroix (nach de Sades Justine) noch einen verkehrswidrigen Parkplatz, was aber in der Rushhour keinen störte.
Wir begrüßten den Künstler Rudolf Bonvie, der in Lyon und in Köln lebt, den Galeristen und seine Familie und fanden uns in einer kleinen Schar vorwiegend jüngerer Künstler, Kunstliebhaber, Kritiker, drinnen vor den wenigen Bildern, draußen auf dem Gehweg bei Knabbereien, Getränken, Zigaretten.
Rudolf Bonvie arbeitet seit langem mit der Digitalkamera und der Bildbearbeitung mit dem Computer. „Mit der Maus als Pinsel“ entstehen großformatige Bilder, die malerische Qualitäten auszeichnen. Hier zeigte er aus Anlaß von Cézannes Tod vor einhundert Jahren Bilder der Montagne Ste. Victoire aus der Zeit von 1997 – 2003.
Nach der Rückkehr entspann sich unter Karins Gästen eine lebhafte Diskussion, bei der uns die Malerin Inge Bösken-Kanoldt zum genauen Betrachten der mitgebrachten Prospekte zwang. Besonders spannend war das Gespräch über „Sainte Victoire III“, einer zweiteiligen Fotoarbeit von 1997. Auf dem großen Bild fehlt zum Cézannegemälde die Senkrechte des Stammes, und der grüne Kiefernzweig liegt wie drohend über dem Berg; das Ganze erinnert an ostasiatische Bilder. Das kleinere Bild zeigt einen verdorrten, gar brennenden Zweig über der Sainte Victoire, und groß sind darunter und darüber die Städtenamen Vitrolles und Marignane, Orange und Toulon eingetragen. Was haben diese Städte mit dem Berg Cézannes zu tun? Dort hatte in jenen Jahren die rechtsradikale Front National die Bürgermeisterämter erobert. Wird die Kunst verdorren?
Wird das Land in Flammen stehen?
Kommentieren September 18th, 2006
Überall dort, wo die Rhône Schwemmland ausgebreitet hat, ziehen unzählige Hecken und Baumreihen, zumindest zeitweilig Zäune aus Schilfrohr oder Bambus durchs Land: Windschutz gegen den Mistral, deshalb stets von Ost nach West reichend. Da wechseln, dichtgepflanzt, dunkle Zypressen mit wilden Pflaumen ab, blauschimmernde Nadelhölzer mit Pappeln. Landstraßen, oft noch von Platanen gesäumt, und schmale Feldwege, Kanäle und Wassergräben, Eisenbahnlinien und Schnellstraßen durchkreuzen und durchkurven wahllos und wild diese riesengroß ausgebreitete Parallelenschar. Dazwischen die Punkte der Häuser, klein die „Cabanons“, größer die „Mas“, wie Flecken (schwäbisch für Dorf!) die „hameaux, villages, villes“. Schön zu schauen von den Bergeshöhen entlang der Rhone, vom Luberon und den Alpilles, oder von den vielen Heißluftballons, die manchmal recht indiskret über den Pool oder am Fenster vorbei „fahren“; noch schöner im Luftbild vom Flugzeug aus, wenn Marignane den Abflug oder Anflug bestimmt. Wer genauer hinschaut, bemerkt, daß dieser Windschutz aus Hecken und Bäumen dort am dichtesten steht, wo Gemüse und Obst angepflanzt wird. Schon schütterer die Reihen, um den Wein zu schützen, noch weniger bei Getreideäckern und Grasland, und kahl zuletzt die Steinwüste der Crau. Und wie wohnt sich’s hinter der Hecke? Windgeschützt und mit sehr begrenzter Aussicht!
So war es schon lange in der Provence, denn der Windschutz war nötig – aber der Sichtschutz? Das ist ein neueres Kapitel in der Landschaft, denn jetzt tritt zur gewohnten Hecke im Norden eine weitere im Süden, auch wenn dahinter nichts Nennenswertes angepflanzt wird. Und im rechten Winkel schließen Hecken auch nach Osten und Westen. So markiert vor allem der ehemalige Städter sein ländliches Terrain: „Hier bin ich! Du sollst sehen, was mein ist, aber über die Hecke schauen sollst Du nicht, ich laß sie schon hoch genug wachsen.“ Manche markieren ihr neu gekauftes Land mit kleinen Zypressen oder ähnlichen Pflanzen (und wundern sich, wenn Diebe sie ausgraben, um sie zu verkaufen oder bei sich einzupflanzen). Unser Häuschen war früher auch ein bißchen wind- und sichtgeschützt: Zwischen den beiden Weinfeldern im Rücken des Hauses verläuft ein Graben, der das Wasser der Wolkenbrüche aufnimmt und ableitet. Dem entlang wuchsen früher Pappeln, frisch grün im Frühling, später Samenschnee schneiend, zuletzt gelb im Blätterfall und kahl im Winter. Nachdem der Sturm dürre Äste auf die Reben geworfen hatte, einmal auch ein Stämmchen zwischen sie gestürzt war, sägte unser Bauer leider alle Pappeln ab. Vorbei war die Erinnerung an Monets Frühlingsbilder, und die ferne Landstraße war näher gerückt. Entlang des hinteren Weinfeldes wuchs bis vor einigen Tagen eine Reihe wilder Pflaumen am Rand unserer Straße, einst als Windschutzhecke gepflanzt. Die gelben, roten und violetten Früchte schmeckten nicht schlecht, und viele Vögel fanden Schutz in der Hecke, gar einen Nistplatz. Jetzt waren die ersten Bäumchen dürr geworden und umgestürzt, und der junge Bauer hat alles kurzerhand herausgerissen und zu einem riesigen Haufen zum Verbrennen aufgetürmt. Da dort seit einigen Jahren Getreide wächst, wird er auch keine neue Hecke mehr pflanzen. Wer von Norden heranfährt, erblickt nun von der Furt aus unser Häuschen mit all seinen Anbauten in voller Breite (eigentlich Länge). Schade, wir wären gerne versteckter geblieben (aber auch die Schilder unserer schwedischen Nachbarn weisen deutlich auf uns: „Mas Rabassan“; doch das ist eine eigene Geschichte).
Lärmschutz gibt es an manchen Autobahnabschnitten und gelegentlich entlang der TGV-Trasse, aber bei uns „auf dem Land“ nicht, das ist auch nicht nötig: Die Landstraße ist genügend entfernt, man hört allenfalls mal kurz röhrende Motorräder, und unser Sträßchen ist wenig befahren. Das heißt, den meisten Krach macht der bellende Joki, unser Dackel! Der lärmt besonders laut, wenn die Heißluftballone am Himmel sind, gleichgültig ob bedrohlich nahe oder weit entfernt. Ihm genügt das Zischen der Gasflamme und erst recht der Eindruck am Himmel: hier stimmt was nicht! Aber etwa alle zwei Wochen gibt es Lärm durch Flugzeuge; das seien Flugschüler aus Istres, erklärte man uns, die allerdings regelmäßig ihr Übungsfeld wechseln müssen: danke! Und gelegentlich jagen unsere „Impôts“ (die Steuern) brutal dröhnend durch die Lüfte; das sind Mirages und andere gräßliche Kampfflugzeuge. Die Flugplätze Salon und Orange sind nicht weit. Und manchmal ziehen sie auch die Trikolore in Gestalt ihrer Kondensstreifen durch den Himmel.
Und die Diebe? Man lese einfach mal wieder die Geschichten aus dem „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“ von Johann Peter Hebel! Den Zundelheiner, den Zundelfrieder und den roten Dieter gibt es auch hier! Trotzdem umfrieden manche reiche Leute ihr Grundstück mit Mauern (Handarbeit, besonders teuer) und Zäunen (auch bei 2 m Höhe noch deutlich billiger) und schützen sich mit allerlei Warnanlagen. Auch wir installierten nach einem Einbruch eine Alarmanlage, aber manche Diebe kommen lieber am hellen Tag, wenn alles offensteht und die Leute abgelenkt sind. Bei uns halfen an einem Sonntagnachmittag, wir selbst waren verreist, weder zwei ältere Gäste am Pool, noch drei jüngere „Haushüter“ vor dem Haus, noch drei (!) schlafende Hunde, als die dreisten Diebe durchs Weinfeld von hinten anfuhren und ins Haus einstiegen. Am schönsten sind die großen Tore großer Anwesen, neben denen man über Gräben, Hecken, Felder oft doch noch aufs Gelände fahren kann! Übrigens schützen die Elektrozäune Pferde vor dem Ausbruch, Wildschweine vor dem Einbruch (wobei sie allerdings gespritzte Melonen verschmähen).
Kommentieren August 19th, 2006
Das alte Salon des Arztes und Sehers Nostradamus (geboren 1503 in St. Rémy und ab 1547 bis zu seinem Tod 1566 hier ansässig) bildet noch immer den Kern der Stadt, die überragt wird vom Schloß, „l’Empéri“ genannt, weil es im Mittelalter die staufischen Kaiser und deren Nachfolger vom 11. – 15. Jh. beherbergte, wenn sie hier weilten. Um das ältere Gemäuer ziehen sich die Vorstädte mit den großen Wohnblöcken, denn Salon ist auch für die Militärs und die Flieger („Patrouille de France“) ein wichtiger Ort. Östlich und südlich begrenzen die Autobahnen den Umkreis, und im Norden ragen in der Ferne die „Alpilles“ (ohne daß sie den Mistral abhalten könnten).
Verlassen wir Oliven und Wein, Seifen und Märkte und den alten Wahrsager (und auch den Zoo von Barben und die Höhlensiedlungen von Calès) und steigen wir zum Schloß hinauf mit seinem berühmten Militärmuseum: Im Vorhof erwarten uns im Sommer Jazzkonzerte und im Ehrenhof, in der Renaissance ausgestaltet, erlesene Kammermusik. 1993 begründeten der Pianist Eric Le Sage, der Flötist Emmanuel Pahud und der Klarinettist Paul Meyer eine Kammermusikwoche, die inzwischen zum Festival de Musique en Salon-de-Provence herangewachsen ist. Hier musizieren Meister ihres Instruments Kammermusik in oft ausgefallener Besetzung und neben den großen Meisterwerken auch weniger Bekanntes. Leider haben wir hier im Vaucluse viel zu spät davon erfahren, und erst jetzt sei von unserem ersten Besuch berichtet, der dies alles beispielhaft belegt (und wer daran nicht interessiert ist, mag hier mit dem Lesen aufhören).
Der Mistral tobt, und am Abend wird es mehr als nur sommerkühl, es wird richtig kalt, erst recht im Schloßhof, in den der Wind immer aufs neue wirbelnd einfällt und die Haare der Zuhörer genauso durchwühlt wie die Noten der Musiker. Da müssen schließlich neben den bekannten Wäscheklammern noch bis zu vier Helfer beistehen! Der großartigen Musik tut das kaum Abbruch, denn die hervorragende Akustik dieses Innenhofes hält auch diesen Attacken stand. Sie bewährt sich, so wie für uns der Blick auf den Arkturus, der nordwärts mit der Deichsel des Großen Wagens über das Schloßdach niedersinkt.
Wir hören zum Auftakt „Variationen“ von Schumann in der Fassung für Klavier, Klarinette und Violoncello, kunstvoll und teilweise sehr berührend. Dann folgt das berühmte d-moll-Klaviertrio von Mendelssohn, in dem Pahud die Violinstimme auf seiner Querflöte bläst. Peter, als Geiger, ist hingerissen! Der Genfer Emmanuel Pahud, u.a. Schüler von Nicolet, wurde mit 20 Jahren unter Abbado Soloflötist der Berliner Philharmoniker (und scheut sich auch nicht, die Violinsonate von César Franck zu flöten). Karin geht in der Pause, total durchfroren, zum Auto und kehrt, zu ihrem Glück, in eine alte, durchlöcherte Decke gehüllt, zurück. Jetzt folgt „En plein air“ für Harfe, Flöte, Klarinette und Streichquartett von Wolfgang Rihm, der heuer in fast allen Konzerten vertreten ist, dann das „Original“ in dieser Besetzung, „Introduction et Allegro“ von Ravel: eine Sternstunde! Den Abschluß, es geht schon auf Mitternacht zu, bildet eine schöne Wiedergabe des Schumannschen Klavierquintetts. (Neben den schon genannten drei Künstlern spielten noch ein weiterer Pianist, eine Harfenistin und zwei Streichquartette; wir bitten um Nachsicht, wenn wir sie nicht namentlich aufzählen.)
Zuletzt ein „Anblick“ auf Flügeln der Ravelschen Musik: Die schöne Harfenistin sitzt in rotem Gewand hinter ihrem goldglänzenden Instrument; sie hat die Schuhe abgestreift und bedient die Pedale mit nackten Füßen, während darüber die feinen Hände über die Saiten gleiten. Halb hinter ihr wiegt sich der flötende Pan im Rhythmus der Musik und setzt markante Akzente. Was raunt er ihr so beschwörend ins Ohr? Was weht er tönend in ihr schwarzes Haar?
Kommentieren August 11th, 2006
„Gott erhalte dich, liebes Cucuron, und schütze dich vor dem vermeintlichen Fortschritt.“
Wohl alle, die das verträumte Dorf am Südfuß des Großen Luberon kennen, werden dem frommen Wunsch zustimmen, mit dem Marcel Pobé 1962 die Götter um Hilfe bat. Damals erschien einer der besten Provenceführer im Walter-Verlag in Olten und Freiburg i. B., geschrieben von Marcel Pobé und illustriert mit 191 Schwarzweißfotos von Josef Rast: „Provence, Führer durch das Land im Licht“. Vor Jahrzehnten haben wir das Dorf oft besucht, wenn wir mit den Kindern und Freunden zum Baden zum „Ètang de la Bonde“ gefahren sind. Da saßen auch wir unter den riesigen Platanen am großen Wasserbecken, um von der Natur (man wähnte sich am Ètang de la Bonde mit seinen Pappeln und Weiden am Ufer wie an einem oberbayrischen See) allmählich in die Kultur (Café, Kirche, Museum, Ruine, Markt) zurückzukehren. Heute schmückt ein großes Foto die Wand des Cafés: Der Husar auf dem Dach, genauer: auf den Dächern von Cucuron, denn ein Teil des Films nach Gionos Roman wurde hier gedreht (anderes z. B. auf der Hochfläche des Contadour).
Bleiben wir kurz beim Kino: ist es nicht schön, plötzlich Bekanntes im Film zu entdecken? Wir sahen einmal einen ziemlich doofen Krimi, der uns rund um Roussillon solche, durchaus reizvolle Bekanntschaften bot – und auch Überraschungen. Wie fährt man vom Ockerdorf Roussillon mal kurz ans Meer? Ja, richtig: die Serpentinen hinab ins Tal, dann auf der Straße, die von Carpentras hoch über den Gorges de la Nesque nach Sault führt, kurz aufwärts und wieder hinab zum Städtchen am Meer! So haben wir zu den gut anderthalb Stunden, die wir bräuchten, noch einmal zwei Stunden Umweg hinzugefügt! Der Knalleffekt aber war, daß die Hauptdarstellerin, kochend vor Wut und Eifersucht, eine von Uwe Krauses Vasen zu Boden warf, daß die Längsstreifen des Dekors regelrecht zerblitzten. (In der Auftaktszene des Films schmückt sich eine außergewöhnlich schöne Töpferin, später ermordet, in ihrem außergewöhnlich modernen Haus mit fremden Federn: Töpfereien von Uwe Krause aus Goult, der auch das Teil vorbereitete, an dem sie kurz arbeitet).
Aber zurück zur Szene: Einmal erlebten wir das (verbotene) Bad einer schwedischen Touristin im Wasserbecken von Cucuron. Gewiß, es war sehr heiß, aber der Weg zu Anita Ekberg war weit (und zur Fontana di Trevi noch viel weiter). Man besuche die große, alte Kirche „ND de Beaulieu“ (begonnen im 13. Jh.) am einen Ende des Dorfes, die Burgruine mit dem Bergfried am anderen, dazwischen der Glockenturm. Man schlendere durch die Gassen, stöbere auf dem Brocante oder dem Wochenmarkt, man besuche das Museum und die alte (und neue) Ölmühle. Man fühlt sich bald wohl in dieser provenzalischen Gegenwart voller provenzalischer Erinnerungen.
Wir erlauben uns zum Schluß einen literarischen Hinweis: Bernhard Schlink (ja, der mit dem „Vorleser“!), Die gordische Schleife (richtig: nicht Knoten!), Diogenes Verlag Zürich, erstmals 1988. Man sollte die Reklame mit dem provenzalischen (Kriminal)Roman nur zu einem guten Drittel ernstnehmen, denn danach kommen New York – Fans auf ihre Kosten, aber man findet, neben anderen schönen Beschreibungen von Land, Leute, Liebe, auch eine von Cucuron:
- „Über Mittag fuhr er nach Cucugnan. Es erstreckt sich über zwei benachbarte Hügel, den einen krönt die Kirche, den anderen die Ruine einer Burg. Um das halbe Städtchen führt noch die alte Mauer, Häuser lehnen sich daran oder stützen sich darauf. Wenn Georg mit dem Auto über die holprigen Wege fuhr und mehr noch, wenn er den halbstündigen Marsch durch die Felder machte und Cucugnan dann in den Blick kam, ocker in der Sonne leuchtend oder grau unter die Wolken geduckt, immer behäbig, heimelig, verläßlich, dann stellte sich wieder das gute Gefühl ein, das er beim ersten Besuch gehabt hatte. Vor dem Stadttor liegt der étang, ein großer, rechteckiger, ummauerter, von alten Platanen gesäumter Teich. An der stadtzugewandten Schmalseite ist der Marktplatz, daneben stellt die „Bar de l’étang“ vom Frühjahr bis zum Herbst die Tische raus. Hier ist es im Sommer kühl; im Herbst lassen die Platanen die Blätter rechtzeitig fallen, und man kann noch in der letzten Sonnenwärme draußen sitzen. Auch dieser Platz war heimelig.“
Kommentieren July 11th, 2006
Mein Biergarten ist natürlich keiner, aber ich sag es heute mal so, weil ich unter meiner Biergartenlinde sitze; meine Biergartenkastanie beim Brunnen steht übrigens im Blickfeld! Ich trinke ein Glas Crémant, und um mich ist Stille! Selbst die Zikade ist verstummt, es ist ihr wohl trotz der Sommerhitze „canicule“ (merket auf, ihr Sterngucker!) zu windig. Also nichts mit Bayern, obwohl der Himmel bläut, nichts mit Radi, wohl aber später kleine Tomaten aus dem Gärtchen. Nichts mit deutschen Fahnen und Bier nach deutschem Reinheitsgebot, noch weniger mit Trikolore und Champagner. Aber zurück zum Platz (den Zidane in seinem letzten Spiel seiner großen Karriere nach einer Tätlichkeit mit einer roten Karte verlassen mußte. Und wie schrieb noch Le Figaro: „Zidane – Apothéose!“ Und anderswo las ich vom „L’ange bleue.“ Nun ja, es gibt auch gefallene Engel.): der Sitz-Platz unter der Linde ist eine ehemalige Stuttgarter Straßenbahnschwelle, die Lehne eine alte, stets beschattete Steinmauer, der Tisch ein quadratischer Säulenstumpf mit kleiner Sandsteinplatte; darauf, um Zeitungen und Briefpapiere zu beschweren, ein Straußensandsteinei vom Acker und ein flacher Kiesel. Falsch: jetzt beiseite gelegt, um dem Laptop und der Maus Platz zu machen. Doch nun zur Aussicht aus meinem Lindenschutz unter tiefhängenden Zwei
Kommentieren July 11th, 2006
„Jetzt trink mr a Schatösche!“ pflegt Schwager Reinhard zu sagen, gleich, ob es um Rouge, Rosé oder Blanc geht. Da lob ich mir die schlichten Namen unserer heimischen Weingüter „La Verrière“ (Glasbläserei), „La Tuilière“ (Ziegelei), „Le Coulet Rouge“, oder im schwäbischen Fellbach, Stadt der Kindheit und Jugend, Aldinger, Häußermann, Schnaitmann.
Nun zeigt uns Murschetz in der „ZEIT“ vom 24. Mai 2006 seine Neuentdeckung, an die ich künftig immer denken werde, wenn wir in unserem kleinen Chor in Goult unser Lied „Chanson à boire“, ein Renaissance-Madrigal von Gabriel Bataille, singen, das unsere Chorleiterin Marie-France Reynet stets mit „La migraine“ ankündet, heißt es dort nämlich umgekehrt (!): „Qui veut chasser une migraine, n’a qu’à boire toujours du bon!“
Kommentieren May 30th, 2006
Zum 25. Male feiert das kleine Dorf Murs oberhalb von Gordes mit etwas mehr als 400 Einwohnern seinen Karneval, der weit im Umkreis bekannt ist. Am Nachmittag versammeln sich viele Dörfler, darunter eine muntere Kinderschar, bunt verkleidet zu einem Umzug, der einem geschmückten Pferde- oder Eselkarren folgt. Darauf ist der „Carmentran“ festgebunden, eine menschengroße Puppe, die stellvertretend für alle Bosheit und Schuld im Dorf steht. Über ihn wird später vor dem Rathaus Gericht gehalten, eine gute Gelegenheit, dem einen oder anderen indirekt die Meinung zu sagen oder Schandtaten anzuprangern.
Der Name „Carmentran“ ist natürlich von „carême“ gleich Fastenzeit abgeleitet. Wenn dann in der Nacht oben auf dem Kirchplatz vor dem Schloß der „Carmentran“ verbrannt wird und alle tanzen, ist es wie ein altes „Winteraustreiben“, in den Alpenländern noch heute gebräuchlich.
Die Narrentruppe wird von einer Gruppe weiß gekleideter „Mehlstäuber“ angeführt, die vor allem jene mit Mehl voll blasen, die nicht verkleidet kommen. Ihnen folgt eine Schar von wild aussehenden Musikanten mit Trommeln, Pfeifen, Flöten und anderen Blasinstrumenten. In der Regel gehört zum „Carmentran“ auch ein Brautpaar, ein Mann als Braut, eine Frau als Bräutigam verkleidet, dazu der Pfarrer und der Advokat, die die Ehe beschließen werden.
Immer wieder hält der Zug zum Tanzen und Singen an, und man hat Gelegenheit für närrische Begegnungen aller Art. Nach der Gerichtsverhandlung trifft man sich zu einem gemeinsamen Essen, andere gehen nach Hause, um mit Einbruch der Dunkelheit wieder zu kommen, und mit Fackeln hinauf zum Tanzplatz zu gehen.
Und im Tanz um das Feuer wird der Frühling begrüßt, der übrigens dieses Jahr über einen Monat später kam, so daß jetzt die Mandeln, sonst die ersten Blüten, zusammen mit Aprikosen, Pfirsichen und den Kirschen blühen. Murs, durch die Berge des Plateau de Vaucluse geschützt, ist übrigens bekannt für seine Kirschen, deren Weiß in der Frühlingssonne hell leuchtet. Das wohlerhaltene Dorf, im Anblick von Süden, dem schönsten, durch keinerlei Neubauten beeinträchtigt und vom Schloß überragt, ist von weiten Feldfluren, Kirsch- und Aprikosenfeldern, Weingärten und Wiesen, jetzt voller Narzissen, umgeben.
Neben alten Höfen, eindrucksvoll jener hinter dem Schloß („privé“), gibt es abseits viele Ferienhäuser, zwei Feriensiedlungen und einen Campingplatz. Von der südlichen Höhe geht der Blick bis zu den Alpen und über den Luberon hinweg zur Montagne Sainte Victoire bei Aix. Sehenswert sind die Ruinen der alten Wassermühlen in der Veroncle-Schlucht, wo das Wasser nach einem Erdbeben vor etwa hundert Jahren größtenteils versiegte. Mögen wir dort von allen weiteren touristischen „Erschließungen“ bewahrt bleiben! Auf den Feldern oberhalb der Schlucht kann man mit Glück und gutem Auge noch immer Pfeilspitzen u. a. aus der Steinzeit finden, gab es hier doch offensichtlich eine reiche „Produktion“!
Bekannt sind auch die alten Eichen rund um Murs, gleich drei mächtige Exemplare in einer Linie westlich des Dorfes. Wer sich ein “Bild” dieses schönen Örtchens machen will, soll zu dem Fotobuch greifen, das die Einwohner unter Anleitung des berühmten Fotografen Hans Silvester gestaltet haben. Hier sind das Dorf und seine Umgebung, die Bewohner und ihre Arbeit ungekünstelt dargestellt.
Diese Seite widme ich Hermann, dem erfolgreichen Boule-Spieler, der uns am „Carmentran“ (und auch sonst) gastfreundlich bewirtet, Götz, der unserem kleinen Kammermusikkreis Heimstatt bietet und unserem Maurer Thierry. Der berühmteste Mann aus Murs bleibt aber Crillon le Brave, der tapfere Waffengefährte Heinrich IV., der hier in dem schönen alten Haus neben der romanischen Kirche 1543 geboren wurde.
Kommentieren April 7th, 2006

Das Wasser, das die Römer einst über den Pont du Gard nach Nîmes leiteten, kam von den Höhenzügen, die heute vom Städtchen Uzès beherrscht werden.
Viele Reisende haben sich schon in Uzès verliebt und kommen immer wieder gerne hierher.
Warum wohl? Sie erliegen dem Charme einer besonderen Stadt am Rande der Provence und nahe am Pont du Gard.
Beherrscht wird die Altstadt, von einem teilweise platanenbestandenen Boulevard umschlosen, vom Schloß der Herzöge, der „Duché“. Die Gassen der Altstadt mit überraschend feinen Läden führen zur „Place aux Herbes“, rundum von Arkaden umgeben, besonders im Sommer ein zauberhafter Platz. Versteckt in der „Krypta“ nahe der „Duché“ findet man geheimnisvolle Reliefs aus dem 4. Jh.
Das Gegenstück zur alten Stadt mit dem Schloß bildet die Kathedrale Saint-Théodorit aus dem 17. und 19. Jh. Von der romanischen Kirche blieb nur der runde Glockenturm, einzig in Frankreich, mit sechs Rundbögen-Geschossen: „La Tour Fenestrelle“. Er blickt auf eine großzügige Parkanlage mit alten Bäumen: die „Promenade Jean Racine“; der Dichter verbrachte 22-jährig einige Zeit bei seinem Onkel, einem Geistlichen. Dort sollte der Dichter von seiner Theaterleidenschaft geheilt werden; zum Glück vergebens. Er fand übrigens die Nächte in Uzès schöner als die Tage in Paris!
Uzès (1987)
Von Gendarmen geleitet,
Le Tour de France
jagt vorbei:
Peleton et Maillot Jaune.
Geschundenen Knechten
erklingt als Heroen
Siegesgeschrei wie in Trance.
Fernab überm Grün
La Tour Fenestrelle:
Mauersegler und Schwalben
stürzen ins Licht,
ersinnt Racine
sein Gedicht
für Mademoiselle.

Kommentieren April 2nd, 2006
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