Posts filed under 'Geschichte'
Purpurglut am Himmel, des Morgens, am Abend. Manche Rosenblüte, Granatäpfel, gewisse Malven, Flecken auf Schmetterlingsflügeln. Zuerst die Phönizier, danach griechische Tuchfärber in Massalia, Senatoren und Gesandte im römischen Vaison und Orange. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, wozu auch lange die Provence gehört hatte. Päpste und andere geistliche Würdenträger in Avignon, ihrem goldenen Gefängnis. Und heute?
Wer die steilen Gassen in Lacoste am Luberon hochsteigt, erreicht zuletzt die Mauerreste des alten Schlosses, in dem einmal der berüchtigte Marquis de Sade zu Hause war (und wo heute in einem restaurierten Turm von Zeit zu Zeit der Modeschöpfer Cardin residiert, der im Sommer im alten Steinbruch sein Festival veranstaltet). Nicht weit davon lebt seit vielen Jahren die deutsche Malerin Inge Boesken-Kanold – und bei ihr findet man den kostbaren Purpursaft! Sie beschäftigt sich schon seit langem mit Naturfarben und vertiefte speziell ihre Kenntnisse über die Purpurschnecke und die Gewinnung ihres Saftes, mit dem sie auch in vielfältiger Weise malerisch experimentiert. Darüber ist in der großartigen Zeitschrift „mare“ im Heft Nr. 59 (Ende 2006) unter der Überschrift „Die Farbe der verlorenen Zeit“ ein umfänglicher Artikel von Maik Brandenburg erschienen.
Kommentieren December 30th, 2006
Das alte Salon des Arztes und Sehers Nostradamus (geboren 1503 in St. Rémy und ab 1547 bis zu seinem Tod 1566 hier ansässig) bildet noch immer den Kern der Stadt, die überragt wird vom Schloß, „l’Empéri“ genannt, weil es im Mittelalter die staufischen Kaiser und deren Nachfolger vom 11. – 15. Jh. beherbergte, wenn sie hier weilten. Um das ältere Gemäuer ziehen sich die Vorstädte mit den großen Wohnblöcken, denn Salon ist auch für die Militärs und die Flieger („Patrouille de France“) ein wichtiger Ort. Östlich und südlich begrenzen die Autobahnen den Umkreis, und im Norden ragen in der Ferne die „Alpilles“ (ohne daß sie den Mistral abhalten könnten).
Verlassen wir Oliven und Wein, Seifen und Märkte und den alten Wahrsager (und auch den Zoo von Barben und die Höhlensiedlungen von Calès) und steigen wir zum Schloß hinauf mit seinem berühmten Militärmuseum: Im Vorhof erwarten uns im Sommer Jazzkonzerte und im Ehrenhof, in der Renaissance ausgestaltet, erlesene Kammermusik. 1993 begründeten der Pianist Eric Le Sage, der Flötist Emmanuel Pahud und der Klarinettist Paul Meyer eine Kammermusikwoche, die inzwischen zum Festival de Musique en Salon-de-Provence herangewachsen ist. Hier musizieren Meister ihres Instruments Kammermusik in oft ausgefallener Besetzung und neben den großen Meisterwerken auch weniger Bekanntes. Leider haben wir hier im Vaucluse viel zu spät davon erfahren, und erst jetzt sei von unserem ersten Besuch berichtet, der dies alles beispielhaft belegt (und wer daran nicht interessiert ist, mag hier mit dem Lesen aufhören).
Der Mistral tobt, und am Abend wird es mehr als nur sommerkühl, es wird richtig kalt, erst recht im Schloßhof, in den der Wind immer aufs neue wirbelnd einfällt und die Haare der Zuhörer genauso durchwühlt wie die Noten der Musiker. Da müssen schließlich neben den bekannten Wäscheklammern noch bis zu vier Helfer beistehen! Der großartigen Musik tut das kaum Abbruch, denn die hervorragende Akustik dieses Innenhofes hält auch diesen Attacken stand. Sie bewährt sich, so wie für uns der Blick auf den Arkturus, der nordwärts mit der Deichsel des Großen Wagens über das Schloßdach niedersinkt.
Wir hören zum Auftakt „Variationen“ von Schumann in der Fassung für Klavier, Klarinette und Violoncello, kunstvoll und teilweise sehr berührend. Dann folgt das berühmte d-moll-Klaviertrio von Mendelssohn, in dem Pahud die Violinstimme auf seiner Querflöte bläst. Peter, als Geiger, ist hingerissen! Der Genfer Emmanuel Pahud, u.a. Schüler von Nicolet, wurde mit 20 Jahren unter Abbado Soloflötist der Berliner Philharmoniker (und scheut sich auch nicht, die Violinsonate von César Franck zu flöten). Karin geht in der Pause, total durchfroren, zum Auto und kehrt, zu ihrem Glück, in eine alte, durchlöcherte Decke gehüllt, zurück. Jetzt folgt „En plein air“ für Harfe, Flöte, Klarinette und Streichquartett von Wolfgang Rihm, der heuer in fast allen Konzerten vertreten ist, dann das „Original“ in dieser Besetzung, „Introduction et Allegro“ von Ravel: eine Sternstunde! Den Abschluß, es geht schon auf Mitternacht zu, bildet eine schöne Wiedergabe des Schumannschen Klavierquintetts. (Neben den schon genannten drei Künstlern spielten noch ein weiterer Pianist, eine Harfenistin und zwei Streichquartette; wir bitten um Nachsicht, wenn wir sie nicht namentlich aufzählen.)
Zuletzt ein „Anblick“ auf Flügeln der Ravelschen Musik: Die schöne Harfenistin sitzt in rotem Gewand hinter ihrem goldglänzenden Instrument; sie hat die Schuhe abgestreift und bedient die Pedale mit nackten Füßen, während darüber die feinen Hände über die Saiten gleiten. Halb hinter ihr wiegt sich der flötende Pan im Rhythmus der Musik und setzt markante Akzente. Was raunt er ihr so beschwörend ins Ohr? Was weht er tönend in ihr schwarzes Haar?
Kommentieren August 11th, 2006
Zwischen dem Kleinen Luberon und dem Tal des Calavon erstreckt sich eine Hügelkette mit Wäldern, Weinfeldern und vielen Steinbrüchen. Auf einem Sattel westwärts liegt das Dorf Ménerbes, am letzten Abhang ostwärts Lacoste mit seiner Schloßruine. Auf halbem Weg führt von der Verbindungsstraße D 109 eine breite Piste abwärts zu einem besonnten und gegen den Mistral geschützten Plateau auf halber Höhe mit einem schönen Blick auf das Valmasque-Tal und zum Luberon. Hier entstand im 13. Jh. eine kleine Karmeliter-Abtei, die sich nach wechselvoller Geschichte und mancher Zweckentfremdung heute in Privatbesitz befindet und unentgeltlich für einen Besuch offensteht. Die Besitzer kümmern sich seit fast 50 Jahren sehr engagiert um den Erhalt der Klostergebäude und der Gartenanlagen. Durch manche Probe unseres kleinen Chors wurde mir, wie vielen anderen, dieser Ort besonders lieb.
An der Bergseite liegt die kleine romanische Kirche (mit ihrer guten Akustik), die man durch eine Vorhalle betritt. Nach links öffnen sich vom hohen Schiff aus zwei kleine Seitenkapellen, nach Osten wird der Chorraum mit seinen drei Fenstern in ebener Front abgeschlossen. Nach rechts gelangt man in einen Innenhof, der mit zwei überdachten Gängen als Kreuzgang gedient hat und seine ungleiche Grundform dem felsigen Untergrund verdankt. Vom Kapitelsaal blickt man über einen Garten hinweg zum Luberongebirge hinüber. Weitere Räume und auch die Küche schließen sich quer an. Die Südwestecke und die Obergeschosse sind bewohnt.
Sehr schön ist der Platz hinter den Abteigebäuden mit seinen Säulen, Felsnischen, Wasserbecken, Rosenbüschen und den Zypressen auf der hohen Bastei, die auf ein tiefer gelegenes Wasserbecken blickt. Die Quellen und Grotten weisen darauf hin, daß hier gewiß schon lange fromme Einsiedler gewohnt haben, ehe die Kirche gebaut und dem Heiligen Hilarius von Arles geweiht wurde. Auf seiner Rückkehr vom 7. Kreuzzug (1254) weilte hier auch Ludwig der Heilige und erhob den Konvent zu einer königlichen Abtei. Übrigens sind die auffälligen Löcher in der Ostwand außen Reste eines alten „Pigeonniers“, hier einer „Taubenmauer“.
Im Tal findet man 2 km nach Ménerbes in Richtung Bonnieux den „Dolmen von Pichouno“, 2500 J. v. Chr., das einzige Beispiel im Vaucluse.
1 Kommentar June 26th, 2006
Vom westlichen Ende der „Alpilles“ blickt man über die weite Ebene südlich nach Arles mit den Ruinen von Montmajour, nordwärts zu den Hügeln „La Montagnette“ bei Avignon und nach Westen hinüber zur Rhône mit Tarascon und Beaucaire. Jetzt versetze man sich zurück ins hohe Mittelalter: Zu Füßen des Gebirges drängt sich die Rhône schäumend gegen den Kalkfels, zwischen ihren vielen Armen liegen Kiesbänke und Sümpfe. Der uralte Handelsweg „Via Agrippa“ der Römer von Arles nach Norden führt hier vorbei und kreuzt den Ost-Westweg, die „Via Domitia“, von der Haute Provence ins Languedoc. Fischerboote schwanken an ihren Stricken, eine Fähre quert den Strom und die Fahrt der H
andelsboote, die talab treiben, bergauf getreidelt werden, Floße schwimmen südwärts. Eine Prozession von Fischern, Fuhrleuten, Schiffern und ihren Frauen zieht das Ufer entlang zur Kapelle „Saint-Gabriel“. Schon von weitem erblicken die Gläubigen im Giebelfeld das „Viergetier“; es ist ihnen von anderen Kirchen im romanischen Süden vertraut: seitlich der Löwe des Markus und der Stier des Lukas, sie werden ihnen im Altarraum wieder begegnen, und oben der Adler des Johannes, unten der Engel-Mensch des Matthäus. Singend steigen sie treppauf zur kleinen Vorhalle, um in das kühle Dunkel einzutreten. Diesen Schwellenübertritt von der Landschaft außen in den Kultraum innen markiert das Viergetier.
Im vergleichsweise reichen plastischen Schmuck des Einganges werden die Frommen an den Sündenfall erinnert und an den Propheten Daniel, der von Christus kündete, hier zwischen zwei besänftigten Löwen. Darüber erblicken sie Bilder von der Geburt
Kommentieren June 10th, 2006
Vom Gehen und vom Warten sind Becketts letzte Jahre im Krieg 1942 – 1945 gekennzeichnet. Nachdem ein Mitglied ihrer antifaschistischen Widerstandsgruppe in Paris nach dem andern von der Gestapo verhaftet wurde, noch wußte niemand um den Verräter in den eigenen Reihen, gelangten Beckett, der die Nachrichten für den britischen Geheimdienst zusammenstellte, und seine spätere Frau Suzanne mit gefälschten Papieren bis Lyon. Von dort machten sie sich auf den langen Fußmarsch in die Provence, wo sie beim Ehepaar Lob, inzwischen im Dorf Roussillon im Vaucluse versteckt, Hilfe zu finden hofften. Nach anstrengenden nächtlichen Märschen erreichten sie Anfang November Roussillon, wo man von den vielen Flüchtlingen, die meisten nur auf der Durchreise, weiter keine Notiz nahm; schließlich hatte man im Krieg, waren die Deutschen auch nicht im Ort präsent, selbst genug zu tun. Außerdem hielt der Bürgermeister des Dorfes schützend seine Hand über so manchen, der leicht bei den „Boches“ hätte angeschwärzt werden können.
Beckett hatte zwar das Glück, von seiner Familie in Irland regelmäßig Geld zu bekommen, aber das Leben im lauten Hotel und zwischen den vielen Menschen fiel ihm täglich schwerer. Tagaus, tagein spazierte man wie ein Gefangener im Kreis die stets gleichen Sträßchen unter den Kiefern, vorbei an den Ockerfelsen, spielte Schach – und wartete. Gut, daß Beckett beim Weinbauern Bonnelly und noch mehr bei der Bauernfamilie Aude mitarbeiten konnte, das brachte körperliche Anstrengung und etwas Abwechslung und natürlich auch Wein und andere Naturalien ins Haus.
Und für seine nachlassende Gesundheit war es tatsächlich gut, daß die Becketts am Rande des Dorfes in ein kleines Haus ziehen konnten (das die Gemeinde heute gerne kaufen möchte!). Dort gelang es ihm schließlich auch wieder zu schreiben: „Watt“, sein dritter und letzter Roman in englischer Sprache. Die Alliierten landeten in der Normandie und in Sizilien, der Krieg rückte näher, und Beckett schloß sich zuletzt dem „maquis“ an, hier der lokalen Widerstandsgruppe (deren Gesamtleitung im Vaucluse „Capitain Alexandre“ hatte, wohinter sich der Dichter René Char verbarg); schließlich war es im Dorf nicht unbekannt geblieben, daß Beckett schon in Paris aktiv gewesen war.
Am 24. August tauchten die ersten amerikanischen Soldaten in Roussillon auf, stürmisch begrüßt und zu einer Feier nach der anderen eingeladen. Auch die Gruppe der Widerstandskämpfer, die die Straßen für die Befreier bewacht hatten, zogen singend ins Dorf ein: „Ganz hinten, etwas außerhalb von Reih und Glied, ohne Gewehr und mit gesenktem Kopf, marschierte, ernst und grimmig schweigend, Beckett. Der Krieg war vorbei, und dafür war er dankbar, doch für Wein und Feiern hatte er keine Zeit. Zwei Jahre waren genug; er wollte zurück und das Leben nach seinen eigenen Vorstellungen leben.“ (Deirdre Bair, Samuel Beckett, Reinbek bei Hamburg, 1994, S. 427) Aber erst nach langem Warten kam Beckett zurück nach England und Irland und später wieder nach Frankreich.
Vom 9. Oktober 1948 bis zum 29. Januar 1949 schrieb Beckett, von nun an in französischer Sprache, sein berühmtes Theaterstück „En attendant Godot“ („Warten auf Godot“), veröffentlicht 1952 und uraufgeführt am 5. Januar 1953. Ganze Bibliotheken wurden darüber verfaßt; hier soll nur die Erinnerung an Roussillon zitiert werden:
Vladimir. – Tout de même, tu ne vas pas me dire que ça ressemble au Vaucluse! Il y a quand même une grosse différence.
Estragon. – Le Vaucluse ! Qui te parle du Vaucluse ?
Vladimir. – Mais tu as bien être dans le Vaucluse ?
Estragon. – Mais non, je n’ai jamais été dans le Vaucluse ! J’ai coulé toute ma chaude-pisse d’existence ici, je te dis ! Dans la Merdecluse !
Vladimir. – Pourtant nous avons été ensemble dans le Vaucluse, j’en mettrais ma main au feu. Nous avons fait les vendanges, tiens, chez un nommé Bonnelly, à Roussillon.
Estragon. – C’est possible. Je n’ai rien remarqué.
Vladimir. – Mais là-bas tout est rouge !
Estragon. – Je n’ai rien remarqué, je te dis !
Der deutsche Übersetzer Elmar Tophoven (die einzige autorisierte Übertragung ?) macht aus dem Vaucluse und Merdecluse, Breisgau und Scheißgau, und aus Bonnelly in Roussillon wird Guttmann in Dürkweiler. Aber es bleibt die Frage, was „da so rot leuchtet“?
Eine schöne Darstellung gab Sabine Günther in SWR2 Wissen am 30. März 2006; der Text kann heruntergeladen werden und ist leicht über „Google“ unter dem Stichwort „Beckett Bonnelly“ zu finden.
Kommentieren April 10th, 2006
Am Ende der Ardèche-Schlucht, heutzutage im Sommer ein Rummelplatz ohnegleichen, liegt gegenüber der eindrucksvollen Kulisse von Aiguèze das Dörfchen St. Martin d’Ardèche, wo sich Leonora Carrington und Max Ernst am 15. August 1938 ein Haus mit Nebenbauten und viel Land kauften. Argwöhnisch beobachteten die Dörfler das exzentrische Paar und ihre verrückten Besucher, die in harter Arbeit das Anwesen restaurierten und mit allerlei Kunstwerken schmückten. (Man erreicht das Haus vom Kreisverkehr im Südosten des Dorfes aus bergauf).
Dann brach der Zweite Weltkrieg aus und viele Deutsche, die vor den Nazis nach Frankreich geflohen waren, mußten sich bei der Polizei melden. Max Ernst, schon bald zwei Jahrzehnte in Frankreich „zu Hause“, folgte der Aufforderung nicht und wurde Tage später in Handschellen abgeführt. Aus dem Lager bei Aubenas wurde er Ende Oktober in das große Internierten-Lager Les Milles bei Aix überstellt. Auf Betreiben seines Freundes Paul Eluard kam er an Weihnachten aber wieder frei.
Es folgte eine Phase konzentrierter Arbeit am Haus und am malerischen Werk. Mit dem Beginn des „Blitzkrieges“ im Westen im Mai 1940 wurde Max Ernst erneut in Les Milles interniert. Leonora Carrington konnte die neue Situation nicht bewältigen, erlitt einen Nervenzusammenbruch und verkaufte unter dubiosen Umständen das Haus samt allem, was darin von Max Ernst und den Freunden aufbewahrt war. Während sie über Andorra schließlich nach Spanien ausreisen konnte, war Max Ernst in jenem Gespensterzug unterwegs, der von Aix nach Bayonne und wieder zurück nach Nîmes fuhr.
Erst viel später, im Juli 1941, kam Max Ernst mit Hilfe Varian Frys und der Unterstützung von Peggy Guggenheim, die sich in den Künstler verliebt hatte, aus Frankreich frei und erreichte mit dem Flugzeug New York, wo er kurze Zeit mit der Sammlerin verheiratet war. Die anrührende Liebesgeschichte zwischen Max Ernst und der jungen Leonora Carrington, die so dramatisch endete, liest man am besten in dem Buch von Silvana Schmid, die Jahre lang genau recherchiert und alles höchst lebendig dargestellt hat: „Loplops Geheimnis, Max Ernst und Leonora Carrington in Südfrankreich“, Frankfurt a. M. 2000.
Dort ist auch zu erfahren, was aus dem Haus in St. Martin d’Ardèche wurde, wohin viele der Kunstschätze verschwanden und warum das Haus erst im Jahr 2000 unter Denkmalschutz gestellt und die „Reste“ der Reliefs restauriert wurden.
Hinter dem geheimnisvollen Namen „Loplop“ verbarg sich Max Ernst selbst, andererseits verwendete er den Namen „Loplop alias Hornebom, der Vogelobere“ auch für manche seiner Vogeldarstellungen in Frottagen und Collagen, Gemälden und Skulpturen. Schon früh zeigte sich seine Besessenheit vom Vogelthema: „Am 2. April 1891, um 9.45 Uhr, hatte Max Ernst seinen ersten Kontakt mit der fühlbaren Welt, als er aus dem Ei schlüpfte, das seine Mutter in eines Adlers Nest gelegt hatte, und welches der Vogel dort sieben Jahre ausgebrütet hatte.“ (Autobiographie) – „Loplop présente“ wurde gewissermaßen sein Markenzeichen.
Mit seiner Frau Dorothea Tanning kehrte Max Ernst 1953 nach Frankreich zurück und nahm zuletzt Wohnung in Seillans im Var, wo das Paar fünf Jahre später 1968 ein eigenes Haus mit großem Garten bezog. Am 1. April 1976 starb der Maler in seiner Pariser Wohnung, in die er krankheitshalber zurückgekehrt war. Auf dem Bouleplatz von Seillans mit seinem weiten Blick ins Land erinnert eine Statue an den Künstler.
Kommentieren April 9th, 2006
Zum 25. Male feiert das kleine Dorf Murs oberhalb von Gordes mit etwas mehr als 400 Einwohnern seinen Karneval, der weit im Umkreis bekannt ist. Am Nachmittag versammeln sich viele Dörfler, darunter eine muntere Kinderschar, bunt verkleidet zu einem Umzug, der einem geschmückten Pferde- oder Eselkarren folgt. Darauf ist der „Carmentran“ festgebunden, eine menschengroße Puppe, die stellvertretend für alle Bosheit und Schuld im Dorf steht. Über ihn wird später vor dem Rathaus Gericht gehalten, eine gute Gelegenheit, dem einen oder anderen indirekt die Meinung zu sagen oder Schandtaten anzuprangern.
Der Name „Carmentran“ ist natürlich von „carême“ gleich Fastenzeit abgeleitet. Wenn dann in der Nacht oben auf dem Kirchplatz vor dem Schloß der „Carmentran“ verbrannt wird und alle tanzen, ist es wie ein altes „Winteraustreiben“, in den Alpenländern noch heute gebräuchlich.
Die Narrentruppe wird von einer Gruppe weiß gekleideter „Mehlstäuber“ angeführt, die vor allem jene mit Mehl voll blasen, die nicht verkleidet kommen. Ihnen folgt eine Schar von wild aussehenden Musikanten mit Trommeln, Pfeifen, Flöten und anderen Blasinstrumenten. In der Regel gehört zum „Carmentran“ auch ein Brautpaar, ein Mann als Braut, eine Frau als Bräutigam verkleidet, dazu der Pfarrer und der Advokat, die die Ehe beschließen werden.
Immer wieder hält der Zug zum Tanzen und Singen an, und man hat Gelegenheit für närrische Begegnungen aller Art. Nach der Gerichtsverhandlung trifft man sich zu einem gemeinsamen Essen, andere gehen nach Hause, um mit Einbruch der Dunkelheit wieder zu kommen, und mit Fackeln hinauf zum Tanzplatz zu gehen.
Und im Tanz um das Feuer wird der Frühling begrüßt, der übrigens dieses Jahr über einen Monat später kam, so daß jetzt die Mandeln, sonst die ersten Blüten, zusammen mit Aprikosen, Pfirsichen und den Kirschen blühen. Murs, durch die Berge des Plateau de Vaucluse geschützt, ist übrigens bekannt für seine Kirschen, deren Weiß in der Frühlingssonne hell leuchtet. Das wohlerhaltene Dorf, im Anblick von Süden, dem schönsten, durch keinerlei Neubauten beeinträchtigt und vom Schloß überragt, ist von weiten Feldfluren, Kirsch- und Aprikosenfeldern, Weingärten und Wiesen, jetzt voller Narzissen, umgeben.
Neben alten Höfen, eindrucksvoll jener hinter dem Schloß („privé“), gibt es abseits viele Ferienhäuser, zwei Feriensiedlungen und einen Campingplatz. Von der südlichen Höhe geht der Blick bis zu den Alpen und über den Luberon hinweg zur Montagne Sainte Victoire bei Aix. Sehenswert sind die Ruinen der alten Wassermühlen in der Veroncle-Schlucht, wo das Wasser nach einem Erdbeben vor etwa hundert Jahren größtenteils versiegte. Mögen wir dort von allen weiteren touristischen „Erschließungen“ bewahrt bleiben! Auf den Feldern oberhalb der Schlucht kann man mit Glück und gutem Auge noch immer Pfeilspitzen u. a. aus der Steinzeit finden, gab es hier doch offensichtlich eine reiche „Produktion“!
Bekannt sind auch die alten Eichen rund um Murs, gleich drei mächtige Exemplare in einer Linie westlich des Dorfes. Wer sich ein “Bild” dieses schönen Örtchens machen will, soll zu dem Fotobuch greifen, das die Einwohner unter Anleitung des berühmten Fotografen Hans Silvester gestaltet haben. Hier sind das Dorf und seine Umgebung, die Bewohner und ihre Arbeit ungekünstelt dargestellt.
Diese Seite widme ich Hermann, dem erfolgreichen Boule-Spieler, der uns am „Carmentran“ (und auch sonst) gastfreundlich bewirtet, Götz, der unserem kleinen Kammermusikkreis Heimstatt bietet und unserem Maurer Thierry. Der berühmteste Mann aus Murs bleibt aber Crillon le Brave, der tapfere Waffengefährte Heinrich IV., der hier in dem schönen alten Haus neben der romanischen Kirche 1543 geboren wurde.
Kommentieren April 7th, 2006

Das Wasser, das die Römer einst über den Pont du Gard nach Nîmes leiteten, kam von den Höhenzügen, die heute vom Städtchen Uzès beherrscht werden.
Viele Reisende haben sich schon in Uzès verliebt und kommen immer wieder gerne hierher.
Warum wohl? Sie erliegen dem Charme einer besonderen Stadt am Rande der Provence und nahe am Pont du Gard.
Beherrscht wird die Altstadt, von einem teilweise platanenbestandenen Boulevard umschlosen, vom Schloß der Herzöge, der „Duché“. Die Gassen der Altstadt mit überraschend feinen Läden führen zur „Place aux Herbes“, rundum von Arkaden umgeben, besonders im Sommer ein zauberhafter Platz. Versteckt in der „Krypta“ nahe der „Duché“ findet man geheimnisvolle Reliefs aus dem 4. Jh.
Das Gegenstück zur alten Stadt mit dem Schloß bildet die Kathedrale Saint-Théodorit aus dem 17. und 19. Jh. Von der romanischen Kirche blieb nur der runde Glockenturm, einzig in Frankreich, mit sechs Rundbögen-Geschossen: „La Tour Fenestrelle“. Er blickt auf eine großzügige Parkanlage mit alten Bäumen: die „Promenade Jean Racine“; der Dichter verbrachte 22-jährig einige Zeit bei seinem Onkel, einem Geistlichen. Dort sollte der Dichter von seiner Theaterleidenschaft geheilt werden; zum Glück vergebens. Er fand übrigens die Nächte in Uzès schöner als die Tage in Paris!
Uzès (1987)
Von Gendarmen geleitet,
Le Tour de France
jagt vorbei:
Peleton et Maillot Jaune.
Geschundenen Knechten
erklingt als Heroen
Siegesgeschrei wie in Trance.
Fernab überm Grün
La Tour Fenestrelle:
Mauersegler und Schwalben
stürzen ins Licht,
ersinnt Racine
sein Gedicht
für Mademoiselle.

Kommentieren April 2nd, 2006
Zwischen Gordes und Goult im Departement Vaucluse liegt das kleine Dörfchen St. Pantaléon mit seinem romanischen Kirchlein auf einem Fels, aus dem einst Gräber rund um die Kirche gehauen wurden. Mit dem Bau der Kirche wurde im 5. Jh. begonnen, die Erweiterungen wurden bis zum 11. Jh. abgeschlossen. Auf den umgebenden Höhen (mit einem der vielen Steinbrüche der Gegend) läßt sich gut wandern und spazieren, in der Ebene breiten sich Weinfelder, Obstgärten und Gemüsefelder aus.
Auffällig in der Nekropole sind die vielen kleinen Kindergräber. Wie sind sie hier und auch sonst in der Provence zu erklären? Der Namenspatron Pantaleon hilft weiter, zählt der Heilige und Märtyrer doch zu den Vierzehn Nothelfern und gilt als Schutzheiliger der Ärzte und Hebammen.
Vermutlich wurden in den kleinen Felsgräbern jene Neugeborene bestattet, die noch vor der Taufe verstorben sind. Für sie las man eine Messe und vertraute darauf, daß sie dadurch die Auferstehung erlebten und als damit „Getaufte“ endgültig begraben werden konnten.
Kommentieren March 29th, 2006
Was sagt uns der Ortsname Carpentras? Ein schöner Markt am Freitagvormittag in der Altstadt und davor auf der großen Platanenallee! Die gotische Kathedrale St. Siffrein und die älteste Synagoge Frankreichs! Winters Trüffelmarkt! Die süßen „Berlingots“! Wasser für Gemüse, Obst, Erdbeeren durch den Canal Durance – Carpentras! Blick auf den Mont Ventoux und die Dentelles de Montmirail! Start legendärer Zeitfahren bei der „Tour de France“ bis zum Gipfel des Mont Ventoux!
Carpentras war einmal die Hauptstadt des Comtat Venaissin und ist auch geographisch durch seine Hügellage über dem Flüßchen Auzon Mittelpunkt einer weiten Ebene, die westwärts bis zur Rhône reicht, sonst aber durch Gebirge begrenzt ist: die phantastische Felsenlandschaft der „Dentelles“, im Norden der überragende Mont Ventoux, die Vorberge der Alpen, das Plateau de Vaucluse mit dem Bergnest Venasque, dem alten Sitz der Bischöfe, die erst später ihre Residenz in Carpentras nahmen, und das der Grafschaft den Namen gab.
Heute ist das Städtchen mit seinen rund 25 000 Einwohnern im Umbruch: man restauriert und saniert, man plant in alten Gemäuern große Projekte für Tourismus und Kultur (Sommer-festival), man versucht den überquellenden Verkehr im Ringverkehr um die Altstadt und mit Umgehungsstraßen zu kanalisieren. Die Kathedrale beherrscht die Innenstadt und überrascht mit der sog. „Judenpforte“ (für Konvertiten bei ihrer Taufe) an der Längsseite: ein Beispiel der Spätgotik mit ihrem Stil „Flamboyante“ (im „Grünen Reiseführer“ der Provence von Michelin auf Seite 40 genau beschrieben).
Auf der Gegenseite steht in der Ecke eines kleinen Platzes hinter dem Justizpalast ein bescheidener römischer Triumphbogen mit der Darstellung zweier Gefangener. Hier erreicht man auch mit wenigen Schritten das alte Judenviertel mit der Synagoge, unscheinbar eingefügt in einen Häuserring. Ihre heutige Gestalt, mehrfach renoviert, erhielt sie im 18. Jahrhundert, als die jüdische Gemeinde ihre Blütezeit hatte. Von der gewaltigen Mauer mit 32 Türmen und 4 Toren aus dem 14. Jahrh., geschleift im 19. Jahrh., gibt nur noch die „Porte d’Orange“ Zeugnis.
Rilke schrieb am 12. März 1914 aus München (zurück aus der Provence) an Marie Taxis:
„Carpentras, bitte, wenn sich’s thun läßt: das Alteleutehospiz dort, von einem der Bischöfe herrlich aufgebaut, mit lauter ganz klein gewordenen alten Leuten, um die herum das Haus immer größer wird – , eventuell auch die alte schöne Synagoge dort – ; der Blick vom Balkon des Hospitals auf den Ventoux …“
Kommentieren March 21st, 2006
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