Posts filed under 'Landleben'

Wind-, Sicht-, Lärm- und Diebstahl-Schutz

Überall dort, wo die Rhône Schwemmland ausgebreitet hat, ziehen unzählige Hecken und Baumreihen, zumindest zeitweilig Zäune aus Schilfrohr oder Bambus durchs Land: Windschutz gegen den Mistral, deshalb stets von Ost nach West reichend. Da wechseln, dichtgepflanzt, dunkle Zypressen mit wilden Pflaumen ab, blauschimmernde Nadelhölzer mit Pappeln. Landstraßen, oft noch von Platanen gesäumt, und schmale Feldwege, Kanäle und Wassergräben, Eisenbahnlinien und Schnellstraßen durchkreuzen und durchkurven wahllos und wild diese riesengroß ausgebreitete Parallelenschar. Dazwischen die Punkte der Häuser, klein die „Cabanons“, größer die „Mas“, wie Flecken (schwäbisch für Dorf!) die „hameaux, villages, villes“. Schön zu schauen von den Bergeshöhen entlang der Rhone, vom Luberon und den Alpilles, oder von den vielen Heißluftballons, die manchmal recht indiskret über den Pool oder am Fenster vorbei „fahren“; noch schöner im Luftbild vom Flugzeug aus, wenn Marignane den Abflug oder Anflug bestimmt. Wer genauer hinschaut, bemerkt, daß dieser Windschutz aus Hecken und Bäumen dort am dichtesten steht, wo Gemüse und Obst angepflanzt wird. Schon schütterer die Reihen, um den Wein zu schützen, noch weniger bei Getreideäckern und Grasland, und kahl zuletzt die Steinwüste der Crau. Und wie wohnt sich’s hinter der Hecke? Windgeschützt und mit sehr begrenzter Aussicht!

So war es schon lange in der Provence, denn der Windschutz war nötig – aber der Sichtschutz? Das ist ein neueres Kapitel in der Landschaft, denn jetzt tritt zur gewohnten Hecke im Norden eine weitere im Süden, auch wenn dahinter nichts Nennenswertes angepflanzt wird. Und im rechten Winkel schließen Hecken auch nach Osten und Westen. So markiert vor allem der ehemalige Städter sein ländliches Terrain: „Hier bin ich! Du sollst sehen, was mein ist, aber über die Hecke schauen sollst Du nicht, ich laß sie schon hoch genug wachsen.“ Manche markieren ihr neu gekauftes Land mit kleinen Zypressen oder ähnlichen Pflanzen (und wundern sich, wenn Diebe sie ausgraben, um sie zu verkaufen oder bei sich einzupflanzen). Unser Häuschen war früher auch ein bißchen wind- und sichtgeschützt: Zwischen den beiden Weinfeldern im Rücken des Hauses verläuft ein Graben, der das Wasser der Wolkenbrüche aufnimmt und ableitet. Dem entlang wuchsen früher Pappeln, frisch grün im Frühling, später Samenschnee schneiend, zuletzt gelb im Blätterfall und kahl im Winter. Nachdem der Sturm dürre Äste auf die Reben geworfen hatte, einmal auch ein Stämmchen zwischen sie gestürzt war, sägte unser Bauer leider alle Pappeln ab. Vorbei war die Erinnerung an Monets Frühlingsbilder, und die ferne Landstraße war näher gerückt. Entlang des hinteren Weinfeldes wuchs bis vor einigen Tagen eine Reihe wilder Pflaumen am Rand unserer Straße, einst als Windschutzhecke gepflanzt. Die gelben, roten und violetten Früchte schmeckten nicht schlecht, und viele Vögel fanden Schutz in der Hecke, gar einen Nistplatz. Jetzt waren die ersten Bäumchen dürr geworden und umgestürzt, und der junge Bauer hat alles kurzerhand herausgerissen und zu einem riesigen Haufen zum Verbrennen aufgetürmt. Da dort seit einigen Jahren Getreide wächst, wird er auch keine neue Hecke mehr pflanzen. Wer von Norden heranfährt, erblickt nun von der Furt aus unser Häuschen mit all seinen Anbauten in voller Breite (eigentlich Länge). Schade, wir wären gerne versteckter geblieben (aber auch die Schilder unserer schwedischen Nachbarn weisen deutlich auf uns: „Mas Rabassan“; doch das ist eine eigene Geschichte).

Lärmschutz gibt es an manchen Autobahnabschnitten und gelegentlich entlang der TGV-Trasse, aber bei uns „auf dem Land“ nicht, das ist auch nicht nötig: Die Landstraße ist genügend entfernt, man hört allenfalls mal kurz röhrende Motorräder, und unser Sträßchen ist wenig befahren. Das heißt, den meisten Krach macht der bellende Joki, unser Dackel! Der lärmt besonders laut, wenn die Heißluftballone am Himmel sind, gleichgültig ob bedrohlich nahe oder weit entfernt. Ihm genügt das Zischen der Gasflamme und erst recht der Eindruck am Himmel: hier stimmt was nicht! Aber etwa alle zwei Wochen gibt es Lärm durch Flugzeuge; das seien Flugschüler aus Istres, erklärte man uns, die allerdings regelmäßig ihr Übungsfeld wechseln müssen: danke! Und gelegentlich jagen unsere „Impôts“ (die Steuern) brutal dröhnend durch die Lüfte; das sind Mirages und andere gräßliche Kampfflugzeuge. Die Flugplätze Salon und Orange sind nicht weit. Und manchmal ziehen sie auch die Trikolore in Gestalt ihrer Kondensstreifen durch den Himmel.

Und die Diebe? Man lese einfach mal wieder die Geschichten aus dem „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“ von Johann Peter Hebel! Den Zundelheiner, den Zundelfrieder und den roten Dieter gibt es auch hier! Trotzdem umfrieden manche reiche Leute ihr Grundstück mit Mauern (Handarbeit, besonders teuer) und Zäunen (auch bei 2 m Höhe noch deutlich billiger) und schützen sich mit allerlei Warnanlagen. Auch wir installierten nach einem Einbruch eine Alarmanlage, aber manche Diebe kommen lieber am hellen Tag, wenn alles offensteht und die Leute abgelenkt sind. Bei uns halfen an einem Sonntagnachmittag, wir selbst waren verreist, weder zwei ältere Gäste am Pool, noch drei jüngere „Haushüter“ vor dem Haus, noch drei (!) schlafende Hunde, als die dreisten Diebe durchs Weinfeld von hinten anfuhren und ins Haus einstiegen. Am schönsten sind die großen Tore großer Anwesen, neben denen man über Gräben, Hecken, Felder oft doch noch aufs Gelände fahren kann! Übrigens schützen die Elektrozäune Pferde vor dem Ausbruch, Wildschweine vor dem Einbruch (wobei sie allerdings gespritzte Melonen verschmähen).

Kommentieren August 19th, 2006

„Rhone Saga“ von Pierre Imhasly

„An René Char bin ich die Steilwände hochgestiegen, jahrelang, doch man stellt sich nicht vor, wie Bodrerito den hineinzieht: in den Bauch.
So darf man es nicht sagen, das wäre zu wenig, es läuft über die Sinne, dann über einen sechsten, der Osmose ist, über die Poren: jede einzeln.
Steif ausrufen: je ne lis pas … dann aber wirst du der Strand, und die Wort-Wellen dieses Meeres lecken dich.
Bodrerito, man reiht sie fürwahr unter jene Matinaux, die allein den Dichter kümmerten.”

Hier ist auf ein großartiges und großformatiges Erzähl-, Gedicht-, Essay- und Bilderbuch hinzuweisen, fast ein halbes tausend Seiten stark, das 1996 im Verlag Stroemfeld/Roter Stern (Basel und Frankfurt a. Main) erschienen ist. Die Wasser der Rhone rauschen aus den Alpen südwärts ins hellere Licht, dann und wann aufbrausend vom Mistral begleitet. Auch der Dichter ist auf dem Weg vom Wallis nach Süden, nach Nîmes, angezogen von seiner Liebsten „Bodrerito“. Und der Fluß raunt: „J’ai un fleuve qui court après ma femme.“

Unser Reiseführer auf höchst persönliche Art ist der Schweizer Schriftsteller Pierre Imhasly, d

Kommentieren May 30th, 2006

„Château Migraine“

„Jetzt trink mr a Schatösche!“ pflegt Schwager Reinhard zu sagen, gleich, ob es um Rouge, Rosé oder Blanc geht. Da lob ich mir die schlichten Namen unserer heimischen Weingüter „La Verrière“ (Glasbläserei), „La Tuilière“ (Ziegelei), „Le Coulet Rouge“, oder im schwäbischen Fellbach, Stadt der Kindheit und Jugend, Aldinger, Häußermann, Schnaitmann.

migraine 001.jpgNun zeigt uns Murschetz in der „ZEIT“ vom 24. Mai 2006 seine Neuentdeckung, an die ich künftig immer denken werde, wenn wir in unserem kleinen Chor in Goult unser Lied „Chanson à boire“, ein Renaissance-Madrigal von Gabriel Bataille, singen, das unsere Chorleiterin Marie-France Reynet stets mit „La migraine“ ankündet, heißt es dort nämlich umgekehrt (!): „Qui veut chasser une migraine, n’a qu’à boire toujours du bon!“

Kommentieren May 30th, 2006

Die romanische Kirche in Sainte Jalle in der Drôme

2006_0512SainteJalle0016.JPGVor Jahrzehnten wählten wir einmal bei der Fahrt nach Stuttgart den Weg über Buis-les Baronnies nach Serre und blickten voll Staunen vom Col d’Ey auf den weiten Kessel von Ste. Jalle, den das Wasser des Ennuye ausgebildet hat. Jetzt standen wir wieder dort, um nach einem Besuch der Kirche in Ste. Jalle ins obere Ouvèze-Tal zu fahren.

Die romanische Kirche inmitten der Felder abseits des kleinen Dorfes, heute ND de Beauvert genannt, stand einst unter dem Einfluß von Cluny, doch verwaiste das Priorat schon im Mittelalter. Der Name Sainte Jalle geht wohl zurück auf die Jungfrau Galla im Kloster Valence, die im frühen Mittelalter lebte.

2006_0512SainteJalle0009.JPGDie Kirche aus dem 12. Jahrhundert ist ein dreijochiges Längsschiff mit einem Querschiff und drei halbrunden Apsiden. Der Glockenturm über der Vierung überrascht durch seine Größe; er wurde erst später aufgesetzt und man mußte deshalb nachträglich auch Strebepfeiler zur Verstärkung hochmauern. An seiner Ostseite gewahrt man links der beiden großen Schallfenster einen weiblichen Kopf über einem fünfarmigen Kreuz, eine „Transenne“, die vermutlich aus dem älteren Teil der Kirche stammt.

2006_0512SainteJalle0013.JPGÜberraschend ist die reiche Gestaltung des Hauptportals mit Säulen, Rundbogen und (leeren) Nischen für Heiligenfiguren. Im Tympanon sieht man von rechts nach links einen Violaspieler, vielleicht ein Troubadour, einen Mann mit einer Eule auf der Schulter, einen dritten mit einem (Bettel)Sack und Stab, Hirte oder Pilger, daneben ein großer Hahn – ein schwer zu deutendes Bild.

2006_0512SainteJalle0011.JPGWir fuhren nach dem Besuch talaufwärts auf den fast 1400 m hohen Vanige zu und weiter auf der D 64 über den Col de Peyruergue ins Tal der Ouvèze. Unser Ziel war Somecure, das kleine Dorf am Talende, wo der Deutsche Karl Ebermann seit gut zwei Jahrzehnten einen Demeter-Hof in biologisch-dynamischer Wirtschaftsweise betreibt (und wo man neuerdings auch Ferien machen kann!). Dort holten wir Arthur Husemann ab, Neuntkläßler der Waldorfschule in Berlin-Kleinmachnow und Sohn ehemaliger Kollegen, der dort sein dreiwöchiges Landwirtschaftspraktikum gemacht hatte. Ihn brachten wir am nächsten Morgen in aller Frühe nach Marignane zum Flughafen. Auf dem Heimweg fuhren wir dann durch die Schlucht des Toulerenc nach Sault und sahen jetzt den Mont Ventoux von der anderen Seite.

Kommentieren May 14th, 2006

Spaziergang um Maussane-les-Alpilles

Die Gegend um Les Baux ist berühmt für seine Olivenöle und Weine, so auch Maussane und Paradou. Wir beginnen den großen Spaziergang beim Friedhof und folgen aufwärts, später nach links der gelben Markierung. Durch eine reiche Gartenlandschaft mit alten und neuen Häusern, nach links kommt man zur bekannten Ölmühle, gelangen wir westwärts aus dem Ort hinaus. Hier breiten sich unter den Kalkfelsen die Olivengärten aus, die südwärts von saftigen, baumumstandenen Wiesen begrenzt werden. Dort erreichen wir das Château d’Escanin, einen zauberhaften Platz mit Herrenhaus und Bauernhaus, Stallungen und Schäferei, Scheune, Öl- und Getreidemühlen, Kapelle, „Rapunzel“-Turm, alles umstanden und beschattet von riesigen Platanen. Dafür konnten sich einst schon Frédéric Mistral und seine Gefährten der „Félibrige“ begeistern, und wir können uns heute phantasievoll ausmalen, was hier Schönes und Nützliches Heimstatt haben könnte.

Bald darauf gibt es zwei Möglichkeiten, den Spaziergang zu einer größeren Wanderung auszudehnen: westwärts weiter, dann nach Norden in Richtung Les Baux und nach Osten wieder zurück, oder westwärts weiter, dann aber nach Südwesten und jenseits des Hügels ostwärts zurück. Unser Spaziergang führt aber direkt nach Paradou, ebenfalls gelb markiert. Wir überqueren die Hauptstraße und folgen der Platanenallee, vorbei am Bildstock des Hl. Rochus und vorbei an einigen schönen alten Häusern. Zuletzt kehren wir über das Sträßchen D 78c mit gelegentlichen Blicken nach Les Baux nach Maussane zurück und gelangen nach rechts, vorbei am Rathaus, dem alten Waschhaus, dem zentralen Platz wieder zur Gasse, die links aufwärts zum Friedhof führt.

Kommentieren April 18th, 2006

Feuer und Wasser

Feuer und Wasser als „Feuerwasser“ müßte in der Provence eigentlich der Pastis sein, oder ist es der Marc, der Traubenschnaps? Doch darum geht es hier nicht. Es geht vielmehr um die Plagen des Landstrichs und um die Freuden von allerlei Landstreichern. Seit alters zählt die Durance zu den drei provenzalischen Geißeln und gemeint sind ihre verheerenden Überschwemmungen, und deshalb soll vom Zuviel und vom Zuwenig des Wassers die Rede sein. Die verheerenden Feuer aber sind die Waldbrände, und es gilt des heroischen Kampfes der Pompiers zu gedenken; aber auch im Kleinformat läßt sich zündeln! Zwar steht der Löschwasserschaden am Ende vieler Brände, aber hier mag das feuchte Element den Vortritt haben!

Das ideale Bauernjahr bringt nach der Weinlese mäßigen, anhaltenden Regen, der wieder aufhört, um die Felder in Ruhe bestellen zu können. Dann darf er zart die Saat anfeuchten, gerne als Schnee die Felder bedecken, und jetzt mag auch Frost kommen, allerlei Schädlinge auszumerzen. Gut ist es, wenn der Schnee die Straßen freiläßt, denn zumindest der Flachlandprovenzale kommt mit Schnee- oder gar Eisglätte kaum zurecht! Zufrieden blickt der Landmann in den gefüllten Brunnen und freut sich auf all die Blütenpracht von Mandel und Pfirsich über Kirsche zu Apfel und Birne: Jetzt bloß keine Nachtfröste! Im Frühling dann und wann ein Landregen, aber auch genug Sonne und den nötigen Wind. Und schön ist es, das Korn in trockenen Wärmetagen zu schneiden und noch schöner, voll ausgereifte Trauben trocken einzubringen. Aber …

Es gab Jahre, da brachen Bäume und Stromleitungen unter der Last des feuchten Schnees, andere, da standen die Camions in Reihen auf der Autobahn, und die Helden der Landstraßen fackelten ihren Diesel wieder flüssig; damals fuhren wir mit 80 km/h „halbversulzt“ nach Deutschland zurück! Es gab Fluten und Überschwemmungen, selbst der Rhone, nach anhaltenden Regenfällen, Katastrophenalarm war angesagt und Tote waren zu beklagen. Wie damals im Hochsommer, als sich bei Vaison-la-Romaine mehrere Gewitter zusammenzogen, bis schließlich Höllenfluten nieder gossen und Campingplätze und Häuser in den Flußauen mitrissen. Übrigens hielt die alte römische Brücke stand, was auch niemanden verwunderte, auch nicht die alten Provenzalen, die die Gefahr des Wassers noch richtig einzuschätzen wußten und nie und nimmer dort bauten, wo das Wasser die Oberhand behalten könnte. Aber moderner Fortschrittswahn und ewige Geldgi

Kommentieren April 15th, 2006

Karl Krolow, Zwei Gedichte

Midi

Eine Gruppe weißer Baskenmützen.
Wer sich ihr nähert,
Muß mit goldenen Schultern und Händen
Über den Platz.
Der Schattenfisch ließ sich an dieser Stelle
Noch gestern fangen.
Jetzt lebt er auf dem Grunde
Leerer Weinfässer in Hauseingängen.
Midi, gegerbt von Katzenharn!
Eine dünne Glocke fällt einer anderen
Ins Wort.
Zwei kraftlose Augäpfel
Werden vom Licht geerntet.

Wer je die flammende Hitze, das grelle Licht des Südens erlebt hat, der kennt die „goldenen Schultern und Hände“ in der Sonnenglut eines freien Platzes, und wer dann kühlen Schatten sucht, der muß in die Häuser flüchten, wo der „Schattenfisch … auf dem Grund leerer Weinfässer lebt“. Genug geschaut: du riechst den scharfen „Katzenharn“, du hörst „dünner Glocken“ Ton. Und schaust du wieder ins Helle, wirst du geblendet die Augen zukneifen: „Zwei kraftlose Augäpfel werden vom Licht geerntet.“ Aber „weiße Baskenmützen“, gewohnt sind wir schwarze, schlägt uns schon die Hitze nieder?(erstmals 1959, gefunden in „Fremde Körper“, Frankfurt a. M. 1985)

Im Rücken den Sommer

Frédéric Mistrals Pilgerflasche,
mit Wein gefüllt.

Ich habe im Rücken den Sommer,
eine Dichtung
von Brot und Zwiebeln.

Orbis terrarum aus Steineichen
und heißen Hufeisen..

Landstreicher zünden Zigaretten
mit der Luft an.

Unter den Nägeln
nimmt der Staub zu.

Schatten werden
von endemischem Fieber
geschüttelt.

Dünne Schuhe verlieren sich
im unbeschnittenen Laub.

(entstanden 1964, gefunden in „Landschaften für mich“, Frankfurt a. M. 1966)

Die Ansammlung gängiger Begriffe, die den Süden charakterisieren, wie Wein, Sommer, Brot und Zwiebeln, Steineichen und Hufeisen, Staub, Schatten, Laub, belebt Karl Krolow durch Gestalten: Frédéric Mistral, der Schriftsteller, Entdecker und Neubeleber, des alten „Provenzalischen“, der Dichter selbst, ungenannt der berittene Hirte der Camargue mit den „heißen Hufeisen“ seines weißen Pferdes, Landstreicher (und die Zigeuner auf dem Weg nach Les-Saintes-Maries-de-la-Mer), ungenannt die Gänger und Tänzer in ihren Espadrilles.

Karl Krolow (1915 – 1999) war seit Kriegsende einer der bedeutendsten Lyriker in deutscher Sprache. Er war Kenner Frankreichs und der französischen Sprache, aus der er auch übersetzte.

Kommentieren April 11th, 2006

Samuel Beckett in Roussillon

2006_0404MursArdeche0067.JPGVom Gehen und vom Warten sind Becketts letzte Jahre im Krieg 1942 – 1945 gekennzeichnet. Nachdem ein Mitglied ihrer antifaschistischen Widerstandsgruppe in Paris nach dem andern von der Gestapo verhaftet wurde, noch wußte niemand um den Verräter in den eigenen Reihen, gelangten Beckett, der die Nachrichten für den britischen Geheimdienst zusammenstellte, und seine spätere Frau Suzanne mit gefälschten Papieren bis Lyon. Von dort machten sie sich auf den langen Fußmarsch in die Provence, wo sie beim Ehepaar Lob, inzwischen im Dorf Roussillon im Vaucluse versteckt, Hilfe zu finden hofften. Nach anstrengenden nächtlichen Märschen erreichten sie Anfang November Roussillon, wo man von den vielen Flüchtlingen, die meisten nur auf der Durchreise, weiter keine Notiz nahm; schließlich hatte man im Krieg, waren die Deutschen auch nicht im Ort präsent, selbst genug zu tun. Außerdem hielt der Bürgermeister des Dorfes schützend seine Hand über so manchen, der leicht bei den „Boches“ hätte angeschwärzt werden können.

2005_1230Auribeau0023.JPGBeckett hatte zwar das Glück, von seiner Familie in Irland regelmäßig Geld zu bekommen, aber das Leben im lauten Hotel und zwischen den vielen Menschen fiel ihm täglich schwerer. Tagaus, tagein spazierte man wie ein Gefangener im Kreis die stets gleichen Sträßchen unter den Kiefern, vorbei an den Ockerfelsen, spielte Schach – und wartete. Gut, daß Beckett beim Weinbauern Bonnelly und noch mehr bei der Bauernfamilie Aude mitarbeiten konnte, das brachte körperliche Anstrengung und etwas Abwechslung und natürlich auch Wein und andere Naturalien ins Haus.

Und für seine nachlassende Gesundheit war es tatsächlich gut, daß die Becketts am Rande des Dorfes in ein kleines Haus ziehen konnten (das die Gemeinde heute gerne kaufen möchte!). Dort gelang es ihm schließlich auch wieder zu schreiben: „Watt“, sein dritter und letzter Roman in englischer Sprache. Die Alliierten landeten in der Normandie und in Sizilien, der Krieg rückte näher, und Beckett schloß sich zuletzt dem „maquis“ an, hier der lokalen Widerstandsgruppe (deren Gesamtleitung im Vaucluse „Capitain Alexandre“ hatte, wohinter sich der Dichter René Char verbarg); schließlich war es im Dorf nicht unbekannt geblieben, daß Beckett schon in Paris aktiv gewesen war.

2005_1230Auribeau00191.JPGAm 24. August tauchten die ersten amerikanischen Soldaten in Roussillon auf, stürmisch begrüßt und zu einer Feier nach der anderen eingeladen. Auch die Gruppe der Widerstandskämpfer, die die Straßen für die Befreier bewacht hatten, zogen singend ins Dorf ein: „Ganz hinten, etwas außerhalb von Reih und Glied, ohne Gewehr und mit gesenktem Kopf, marschierte, ernst und grimmig schweigend, Beckett. Der Krieg war vorbei, und dafür war er dankbar, doch für Wein und Feiern hatte er keine Zeit. Zwei Jahre waren genug; er wollte zurück und das Leben nach seinen eigenen Vorstellungen leben.“ (Deirdre Bair, Samuel Beckett, Reinbek bei Hamburg, 1994, S. 427) Aber erst nach langem Warten kam Beckett zurück nach England und Irland und später wieder nach Frankreich.

Vom 9. Oktober 1948 bis zum 29. Januar 1949 schrieb Beckett, von nun an in französischer Sprache, sein berühmtes Theaterstück „En attendant Godot“ („Warten auf Godot“), veröffentlicht 1952 und uraufgeführt am 5. Januar 1953. Ganze Bibliotheken wurden darüber verfaßt; hier soll nur die Erinnerung an Roussillon zitiert werden:

2006_0404MursArdeche0070.JPGVladimir. – Tout de même, tu ne vas pas me dire que ça ressemble au Vaucluse! Il y a quand même une grosse différence.
Estragon. – Le Vaucluse ! Qui te parle du Vaucluse ?
Vladimir. – Mais tu as bien être dans le Vaucluse ?
Estragon. – Mais non, je n’ai jamais été dans le Vaucluse ! J’ai coulé toute ma chaude-pisse d’existence ici, je te dis ! Dans la Merdecluse !
Vladimir. – Pourtant nous avons été ensemble dans le Vaucluse, j’en mettrais ma main au feu. Nous avons fait les vendanges, tiens, chez un nommé Bonnelly, à Roussillon.
Estragon. – C’est possible. Je n’ai rien remarqué.
Vladimir. – Mais là-bas tout est rouge !
Estragon. – Je n’ai rien remarqué, je te dis !

Der deutsche Übersetzer Elmar Tophoven (die einzige autorisierte Übertragung ?) macht aus dem Vaucluse und Merdecluse, Breisgau und Scheißgau, und aus Bonnelly in Roussillon wird Guttmann in Dürkweiler. Aber es bleibt die Frage, was „da so rot leuchtet“?

Eine schöne Darstellung gab Sabine Günther in SWR2 Wissen am 30. März 2006; der Text kann heruntergeladen werden und ist leicht über „Google“ unter dem Stichwort „Beckett Bonnelly“ zu finden.

Kommentieren April 10th, 2006

„Carmentran“ in Murs

2006_0404MursArdeche0006.JPGZum 25. Male feiert das kleine Dorf Murs oberhalb von Gordes mit etwas mehr als 400 Einwohnern seinen Karneval, der weit im Umkreis bekannt ist. Am Nachmittag versammeln sich viele Dörfler, darunter eine muntere Kinderschar, bunt verkleidet zu einem Umzug, der einem geschmückten Pferde- oder Eselkarren folgt. Darauf ist der „Carmentran“ festgebunden, eine menschengroße Puppe, die stellvertretend für alle Bosheit und Schuld im Dorf steht. Über ihn wird später vor dem Rathaus Gericht gehalten, eine gute Gelegenheit, dem einen oder anderen indirekt die Meinung zu sagen oder Schandtaten anzuprangern.

2006_0404MursArdeche0023.JPGDer Name „Carmentran“ ist natürlich von „carême“ gleich Fastenzeit abgeleitet. Wenn dann in der Nacht oben auf dem Kirchplatz vor dem Schloß der „Carmentran“ verbrannt wird und alle tanzen, ist es wie ein altes „Winteraustreiben“, in den Alpenländern noch heute gebräuchlich.

2006_0404MursArdeche0027.JPGDie Narrentruppe wird von einer Gruppe weiß gekleideter „Mehlstäuber“ angeführt, die vor allem jene mit Mehl voll blasen, die nicht verkleidet kommen. Ihnen folgt eine Schar von wild aussehenden Musikanten mit Trommeln, Pfeifen, Flöten und anderen Blasinstrumenten. In der Regel gehört zum „Carmentran“ auch ein Brautpaar, ein Mann als Braut, eine Frau als Bräutigam verkleidet, dazu der Pfarrer und der Advokat, die die Ehe beschließen werden.

2006_0404MursArdeche0032.JPGImmer wieder hält der Zug zum Tanzen und Singen an, und man hat Gelegenheit für närrische Begegnungen aller Art. Nach der Gerichtsverhandlung trifft man sich zu einem gemeinsamen Essen, andere gehen nach Hause, um mit Einbruch der Dunkelheit wieder zu kommen, und mit Fackeln hinauf zum Tanzplatz zu gehen.

2006_0404MursArdeche0022.JPGUnd im Tanz um das Feuer wird der Frühling begrüßt, der übrigens dieses Jahr über einen Monat später kam, so daß jetzt die Mandeln, sonst die ersten Blüten, zusammen mit Aprikosen, Pfirsichen und den Kirschen blühen. Murs, durch die Berge des Plateau de Vaucluse geschützt, ist übrigens bekannt für seine Kirschen, deren Weiß in der Frühlingssonne hell leuchtet. Das wohlerhaltene Dorf, im Anblick von Süden, dem schönsten, durch keinerlei Neubauten beeinträchtigt und vom Schloß überragt, ist von weiten Feldfluren, Kirsch- und Aprikosenfeldern, Weingärten und Wiesen, jetzt voller Narzissen, umgeben.

2006_0404MursArdeche0002.JPGNeben alten Höfen, eindrucksvoll jener hinter dem Schloß („privé“), gibt es abseits viele Ferienhäuser, zwei Feriensiedlungen und einen Campingplatz. Von der südlichen Höhe geht der Blick bis zu den Alpen und über den Luberon hinweg zur Montagne Sainte Victoire bei Aix. Sehenswert sind die Ruinen der alten Wassermühlen in der Veroncle-Schlucht, wo das Wasser nach einem Erdbeben vor etwa hundert Jahren größtenteils versiegte. Mögen wir dort von allen weiteren touristischen „Erschließungen“ bewahrt bleiben! Auf den Feldern oberhalb der Schlucht kann man mit Glück und gutem Auge noch immer Pfeilspitzen u. a. aus der Steinzeit finden, gab es hier doch offensichtlich eine reiche „Produktion“!

2005_1210stare0014.JPGBekannt sind auch die alten Eichen rund um Murs, gleich drei mächtige Exemplare in einer Linie westlich des Dorfes. Wer sich ein “Bild” dieses schönen Örtchens machen will, soll zu dem Fotobuch greifen, das die Einwohner unter Anleitung des berühmten Fotografen Hans Silvester gestaltet haben. Hier sind das Dorf und seine Umgebung, die Bewohner und ihre Arbeit ungekünstelt dargestellt.
Geburtshaus CrillonsDiese Seite widme ich Hermann, dem erfolgreichen Boule-Spieler, der uns am „Carmentran“ (und auch sonst) gastfreundlich bewirtet, Götz, der unserem kleinen Kammermusikkreis Heimstatt bietet und unserem Maurer Thierry. Der berühmteste Mann aus Murs bleibt aber Crillon le Brave, der tapfere Waffengefährte Heinrich IV., der hier in dem schönen alten Haus neben der romanischen Kirche 1543 geboren wurde.

N. D. de Salut

Kommentieren April 7th, 2006

Da hilft kein Schwein: Trüffel werden rar!

In der F.A.Z. vom 23. 3. 2006 steht unter einem Bild von einem Bauern mit Trüffel und Schwein folgende dpa-Schreckensmeldung:

Unter den Trüffelsuchern in Europa herrscht Katastrophenstimmung. Sie finden seit Jahren immer weniger Exemplare der „Schwarzen Diamanten“ und sind deswegen jetzt in Nizza zu einem Krisentreffen zusammengekommen… Sie suchen nach Wegen aus dem Schwund. Forscher sollen ihnen helfen, die Geheimnisse der nur schwer berechenbaren Trüffel zu lüften… „Früher wurden die Wälder noch mehr gepflegt, uns das Land war noch naturnah und nicht so verödet, da gab es eine riesige Ernte, und wir brauchten keine Hilfe.“ … Von tausend Tonnen vor einem Jahrhundert ist die Trüffelernte auf deutlich weniger als jeweils hundert Tonnen in den vergangenen Jahren gesunken. 2006 sei in Frankreich nur mit zehn bis zwölf Tonnen zu rechnen, hieß es.

Das Kilogramm kostet zur Zeit bis zu 1000 Euro: bei 10 Tonnen setzen die französischen Trüffelsucher bis zu 10 Millionen Euro um! In unserer Heimat gibt es berühmte Märkte in Carpentras, Richerenches, Ménerbes. Übrigens frage ich mich, warum die Nachbarn ihre Trüffeleichen mit dem stark belasteten Durance-Wasser bewässern. Vielleicht ist der Trüffelpilz ein Indikator für Umweltbelastung?

Kommentieren March 24th, 2006

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