Posts filed under 'Literatur'

„Jeder braucht seinen Süden“

Mit der Weihnachtspost von Traute und Günther E. erreichte uns ein knallgelbes Büchlein mit blauen Buchstaben und einem Foto eines Zitronenzweiges: „Kennst du das Land …?“ Ja, „jeder braucht seinen Süden.“ So betitelt der Schweizer Iso Camartin, vielseitiger Schriftsteller und Kulturmanger, sein kleines Buch in der Suhrkamp-Reihe „Bibliothek der Lebenskunst“, ein lebendiges, kluges, vielseitiges Brevier. Nun, sein Süden sind die Inseln des Mittelmeers, Sizilien vor allem, unserer dagegen die Provence mit dem Zentrum Luberon. Und im Kapitel „Die blaue Stunde“ berichtet Camartin tatsächlich auch von Cézanne und seinem ungeheuerlichen Blau. Gleich in der Einleitung zitiert er übrigens Ungaretti mit dem „südlichste(n) Gedicht aller Zeiten“:

Mattina
M’illumino
d’immenso

Morgen

Ich erhelle mich / aus Unendlichem

Morgen

Ich erleuchte mich / durch Unermeßliches

(Ingeborg Bachmann)

Kommentieren December 29th, 2006

Walter Benjamin über den „Angelus Novus“ von Paul Klee

Diesen Text fand ich im Weihnachtsbrief unserer Freundin Christiane G., er soll den Blogeintrag über den Schriftsteller erweitern:

„Es gibt eine Bild von Paul Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen, und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Der Sturm treibt ihn unablässig in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Das Bild hat Walter Benjamin 1921 erworben und später Gershom Scholem vermacht, der berichtet, daß Benjamin im „Angelus Novus“ zunächst seinen eigenen Engel sah, ihn später mit Karl Kraus in Verbindung brachte, bis er schließlich um 1940 angesichts der ungeheuren Bedrohung durch den Faschismus für ihn zum Engel der Geschichte wurde.

Kommentieren December 17th, 2006

Gott erhalte dich, liebes Cucuron!

„Gott erhalte dich, liebes Cucuron, und schütze dich vor dem vermeintlichen Fortschritt.“
Wohl alle, die das verträumte Dorf am Südfuß des Großen Luberon kennen, werden dem frommen Wunsch zustimmen, mit dem Marcel Pobé 1962 die Götter um Hilfe bat. Damals erschien einer der besten Provenceführer im Walter-Verlag in Olten und Freiburg i. B., geschrieben von Marcel Pobé und illustriert mit 191 Schwarzweißfotos von Josef Rast: „Provence, Führer durch das Land im Licht“. Vor Jahrzehnten haben wir das Dorf oft besucht, wenn wir mit den Kindern und Freunden zum Baden zum „Ètang de la Bonde“ gefahren sind. Da saßen auch wir unter den riesigen Platanen am großen Wasserbecken, um von der Natur (man wähnte sich am Ètang de la Bonde mit seinen Pappeln und Weiden am Ufer wie an einem oberbayrischen See) allmählich in die Kultur (Café, Kirche, Museum, Ruine, Markt) zurückzukehren. Heute schmückt ein großes Foto die Wand des Cafés: Der Husar auf dem Dach, genauer: auf den Dächern von Cucuron, denn ein Teil des Films nach Gionos Roman wurde hier gedreht (anderes z. B. auf der Hochfläche des Contadour).

Bleiben wir kurz beim Kino: ist es nicht schön, plötzlich Bekanntes im Film zu entdecken? Wir sahen einmal einen ziemlich doofen Krimi, der uns rund um Roussillon solche, durchaus reizvolle Bekanntschaften bot – und auch Überraschungen. Wie fährt man vom Ockerdorf Roussillon mal kurz ans Meer? Ja, richtig: die Serpentinen hinab ins Tal, dann auf der Straße, die von Carpentras hoch über den Gorges de la Nesque nach Sault führt, kurz aufwärts und wieder hinab zum Städtchen am Meer! So haben wir zu den gut anderthalb Stunden, die wir bräuchten, noch einmal zwei Stunden Umweg hinzugefügt! Der Knalleffekt aber war, daß die Hauptdarstellerin, kochend vor Wut und Eifersucht, eine von Uwe Krauses Vasen zu Boden warf, daß die Längsstreifen des Dekors regelrecht zerblitzten. (In der Auftaktszene des Films schmückt sich eine außergewöhnlich schöne Töpferin, später ermordet, in ihrem außergewöhnlich modernen Haus mit fremden Federn: Töpfereien von Uwe Krause aus Goult, der auch das Teil vorbereitete, an dem sie kurz arbeitet).

Aber zurück zur Szene: Einmal erlebten wir das (verbotene) Bad einer schwedischen Touristin im Wasserbecken von Cucuron. Gewiß, es war sehr heiß, aber der Weg zu Anita Ekberg war weit (und zur Fontana di Trevi noch viel weiter). Man besuche die große, alte Kirche „ND de Beaulieu“ (begonnen im 13. Jh.) am einen Ende des Dorfes, die Burgruine mit dem Bergfried am anderen, dazwischen der Glockenturm. Man schlendere durch die Gassen, stöbere auf dem Brocante oder dem Wochenmarkt, man besuche das Museum und die alte (und neue) Ölmühle. Man fühlt sich bald wohl in dieser provenzalischen Gegenwart voller provenzalischer Erinnerungen.

Wir erlauben uns zum Schluß einen literarischen Hinweis: Bernhard Schlink (ja, der mit dem „Vorleser“!), Die gordische Schleife (richtig: nicht Knoten!), Diogenes Verlag Zürich, erstmals 1988. Man sollte die Reklame mit dem provenzalischen (Kriminal)Roman nur zu einem guten Drittel ernstnehmen, denn danach kommen New York – Fans auf ihre Kosten, aber man findet, neben anderen schönen Beschreibungen von Land, Leute, Liebe, auch eine von Cucuron:

  • „Über Mittag fuhr er nach Cucugnan. Es erstreckt sich über zwei benachbarte Hügel, den einen krönt die Kirche, den anderen die Ruine einer Burg. Um das halbe Städtchen führt noch die alte Mauer, Häuser lehnen sich daran oder stützen sich darauf. Wenn Georg mit dem Auto über die holprigen Wege fuhr und mehr noch, wenn er den halbstündigen Marsch durch die Felder machte und Cucugnan dann in den Blick kam, ocker in der Sonne leuchtend oder grau unter die Wolken geduckt, immer behäbig, heimelig, verläßlich, dann stellte sich wieder das gute Gefühl ein, das er beim ersten Besuch gehabt hatte. Vor dem Stadttor liegt der étang, ein großer, rechteckiger, ummauerter, von alten Platanen gesäumter Teich. An der stadtzugewandten Schmalseite ist der Marktplatz, daneben stellt die „Bar de l’étang“ vom Frühjahr bis zum Herbst die Tische raus. Hier ist es im Sommer kühl; im Herbst lassen die Platanen die Blätter rechtzeitig fallen, und man kann noch in der letzten Sonnenwärme draußen sitzen. Auch dieser Platz war heimelig.“

Kommentieren July 11th, 2006

„Rhone Saga“ von Pierre Imhasly

„An René Char bin ich die Steilwände hochgestiegen, jahrelang, doch man stellt sich nicht vor, wie Bodrerito den hineinzieht: in den Bauch.
So darf man es nicht sagen, das wäre zu wenig, es läuft über die Sinne, dann über einen sechsten, der Osmose ist, über die Poren: jede einzeln.
Steif ausrufen: je ne lis pas … dann aber wirst du der Strand, und die Wort-Wellen dieses Meeres lecken dich.
Bodrerito, man reiht sie fürwahr unter jene Matinaux, die allein den Dichter kümmerten.”

Hier ist auf ein großartiges und großformatiges Erzähl-, Gedicht-, Essay- und Bilderbuch hinzuweisen, fast ein halbes tausend Seiten stark, das 1996 im Verlag Stroemfeld/Roter Stern (Basel und Frankfurt a. Main) erschienen ist. Die Wasser der Rhone rauschen aus den Alpen südwärts ins hellere Licht, dann und wann aufbrausend vom Mistral begleitet. Auch der Dichter ist auf dem Weg vom Wallis nach Süden, nach Nîmes, angezogen von seiner Liebsten „Bodrerito“. Und der Fluß raunt: „J’ai un fleuve qui court après ma femme.“

Unser Reiseführer auf höchst persönliche Art ist der Schweizer Schriftsteller Pierre Imhasly, d

Kommentieren May 30th, 2006

Anemonen

Der Mensch steht der Natur gegenüber – und weiß sich doch eins mit ihr, wenn er lernt, den Zwiespalt erkennend oder fühlend zu überwinden. Im Wochenspruch Rudolf Steiners heißt es z. B. „Ich fühle Wesen meines Wesens: / So spricht Empfindung, / die in der sonnerhellten Welt / Mit Lichtesfluten sich vereint; / Sie will dem Denken / Zur Klarheit Wärme schenken / Und Mensch und Welt / In Einheit fest verbinden.“ Der Dichter und Bauer Christian Wagner aus Warmbronn bei Stuttgart (vgl. den Blogeintrag „Blühender Kirschbaum“) suchte zeitlebens die Verbindung zu aller Kreatur und kündete von ihr als „Märchenerzähler, Bramine und Seher“ und als Beschützer der Pflanzen und Tiere. Man mag heute manche seiner Gedichte als seltsam oder naiv abtun, und es haben beileibe nicht alle die hohe Qualität, die die Kenner bei einigen rühmen, aber man wird stets berührt sein von diesem eindringlichen Reden über die Natur. Auf einer Fahrt in die alte schwäbische Heimat erlebten wir dieser Tage einen langen Frühling: schon zu Ende gehend in der Provence mit verblühten Kirschen, solche in vollem Blust an Rhein und Neckar, erst zart sich öffnend auf den Höhen. Und so auch die Buchen: unten im hellen Grün, auf der Albhochfläche noch in Knospen, und dann überall die Platten, die Seen, ja Meere von weißen Anemonen! Zwei Gedichte Christian Wagners folgen, das eine schlicht und von liebevoll kindlichem Gemüt zeugend wie diese Blüten in der Frühlingssonne, das andere großartig in seiner Bildhaftigkeit, einzigartig in seiner Wortmelodie, durchdrungen von tiefem Ernst und frommem Glauben, jetzt Anemonen, vor Ostern noch einmal vom Schnee überrascht:

Anemonen

Sag, woher kommen
Die schönen, die frommen,
Die Tausend und Abermillionen
Weißgekleideter Anemonen?

„Wir sind Kindlein, die abgeschieden
So frühe hinieden;
Nun wohnen wir oben
Im Vaterhause da droben.“

Was tut ihr nun hier
Im Waldesrevier,
Ihr lieblichen Kleinen
Beim Frühlingserscheinen?

„Drum dürfen wir fort,
Jedes an seinen Heimatort;
Auf Ostern wird Vakanz gegeben,
Drei Wochen lang welch ein Freudenleben!“

„Und drum sind wir hier
Im Waldesrevier
Alle weiß gekleidet. Mägdlein wie Söhnlein
Mit goldenen Krönlein.“

Anemonen am Ostersamstag

Wie die Frauen
Zions wohl dereinst beim matten Grauen
Jenes Trauertags beisammen standen,
Nicht mehr Worte, nur noch Tränen fanden,

So noch heute
Stehen, als in ferne Zeit verstreute
Bleiche Zionstöchter, Anemonen
In des Nordens winterlichen Zonen.

Vom Gewimmel
Dichter Flocken ist ganz trüb der Himmel.
Traurig stehen sie, die Köpfchen hängend,
Und in Gruppen sich zusammendrängend.

Also einsam
Zeh und zwölfe hier so leidgemeinsam,
Da und dort verstreut auf grauer Öde,
Weiße Tüchlein aufgebunden jede,

Also trauernd,
Innerlich von Frost zusammenschauernd,
Stehn alljährlich sie als Klagebildnis
In des winterlichen Waldes Wildnis.

Aus: Christian Wagner, Gedichte, Frankfurt am Main 1980 (erstmals 1913 München)
mit einem Vorwort von Hermann Hesse und einem Nachwort von Peter Handke

Kommentieren May 9th, 2006

Karl Krolow, Zwei Gedichte

Midi

Eine Gruppe weißer Baskenmützen.
Wer sich ihr nähert,
Muß mit goldenen Schultern und Händen
Über den Platz.
Der Schattenfisch ließ sich an dieser Stelle
Noch gestern fangen.
Jetzt lebt er auf dem Grunde
Leerer Weinfässer in Hauseingängen.
Midi, gegerbt von Katzenharn!
Eine dünne Glocke fällt einer anderen
Ins Wort.
Zwei kraftlose Augäpfel
Werden vom Licht geerntet.

Wer je die flammende Hitze, das grelle Licht des Südens erlebt hat, der kennt die „goldenen Schultern und Hände“ in der Sonnenglut eines freien Platzes, und wer dann kühlen Schatten sucht, der muß in die Häuser flüchten, wo der „Schattenfisch … auf dem Grund leerer Weinfässer lebt“. Genug geschaut: du riechst den scharfen „Katzenharn“, du hörst „dünner Glocken“ Ton. Und schaust du wieder ins Helle, wirst du geblendet die Augen zukneifen: „Zwei kraftlose Augäpfel werden vom Licht geerntet.“ Aber „weiße Baskenmützen“, gewohnt sind wir schwarze, schlägt uns schon die Hitze nieder?(erstmals 1959, gefunden in „Fremde Körper“, Frankfurt a. M. 1985)

Im Rücken den Sommer

Frédéric Mistrals Pilgerflasche,
mit Wein gefüllt.

Ich habe im Rücken den Sommer,
eine Dichtung
von Brot und Zwiebeln.

Orbis terrarum aus Steineichen
und heißen Hufeisen..

Landstreicher zünden Zigaretten
mit der Luft an.

Unter den Nägeln
nimmt der Staub zu.

Schatten werden
von endemischem Fieber
geschüttelt.

Dünne Schuhe verlieren sich
im unbeschnittenen Laub.

(entstanden 1964, gefunden in „Landschaften für mich“, Frankfurt a. M. 1966)

Die Ansammlung gängiger Begriffe, die den Süden charakterisieren, wie Wein, Sommer, Brot und Zwiebeln, Steineichen und Hufeisen, Staub, Schatten, Laub, belebt Karl Krolow durch Gestalten: Frédéric Mistral, der Schriftsteller, Entdecker und Neubeleber, des alten „Provenzalischen“, der Dichter selbst, ungenannt der berittene Hirte der Camargue mit den „heißen Hufeisen“ seines weißen Pferdes, Landstreicher (und die Zigeuner auf dem Weg nach Les-Saintes-Maries-de-la-Mer), ungenannt die Gänger und Tänzer in ihren Espadrilles.

Karl Krolow (1915 – 1999) war seit Kriegsende einer der bedeutendsten Lyriker in deutscher Sprache. Er war Kenner Frankreichs und der französischen Sprache, aus der er auch übersetzte.

Kommentieren April 11th, 2006

Samuel Beckett in Roussillon

2006_0404MursArdeche0067.JPGVom Gehen und vom Warten sind Becketts letzte Jahre im Krieg 1942 – 1945 gekennzeichnet. Nachdem ein Mitglied ihrer antifaschistischen Widerstandsgruppe in Paris nach dem andern von der Gestapo verhaftet wurde, noch wußte niemand um den Verräter in den eigenen Reihen, gelangten Beckett, der die Nachrichten für den britischen Geheimdienst zusammenstellte, und seine spätere Frau Suzanne mit gefälschten Papieren bis Lyon. Von dort machten sie sich auf den langen Fußmarsch in die Provence, wo sie beim Ehepaar Lob, inzwischen im Dorf Roussillon im Vaucluse versteckt, Hilfe zu finden hofften. Nach anstrengenden nächtlichen Märschen erreichten sie Anfang November Roussillon, wo man von den vielen Flüchtlingen, die meisten nur auf der Durchreise, weiter keine Notiz nahm; schließlich hatte man im Krieg, waren die Deutschen auch nicht im Ort präsent, selbst genug zu tun. Außerdem hielt der Bürgermeister des Dorfes schützend seine Hand über so manchen, der leicht bei den „Boches“ hätte angeschwärzt werden können.

2005_1230Auribeau0023.JPGBeckett hatte zwar das Glück, von seiner Familie in Irland regelmäßig Geld zu bekommen, aber das Leben im lauten Hotel und zwischen den vielen Menschen fiel ihm täglich schwerer. Tagaus, tagein spazierte man wie ein Gefangener im Kreis die stets gleichen Sträßchen unter den Kiefern, vorbei an den Ockerfelsen, spielte Schach – und wartete. Gut, daß Beckett beim Weinbauern Bonnelly und noch mehr bei der Bauernfamilie Aude mitarbeiten konnte, das brachte körperliche Anstrengung und etwas Abwechslung und natürlich auch Wein und andere Naturalien ins Haus.

Und für seine nachlassende Gesundheit war es tatsächlich gut, daß die Becketts am Rande des Dorfes in ein kleines Haus ziehen konnten (das die Gemeinde heute gerne kaufen möchte!). Dort gelang es ihm schließlich auch wieder zu schreiben: „Watt“, sein dritter und letzter Roman in englischer Sprache. Die Alliierten landeten in der Normandie und in Sizilien, der Krieg rückte näher, und Beckett schloß sich zuletzt dem „maquis“ an, hier der lokalen Widerstandsgruppe (deren Gesamtleitung im Vaucluse „Capitain Alexandre“ hatte, wohinter sich der Dichter René Char verbarg); schließlich war es im Dorf nicht unbekannt geblieben, daß Beckett schon in Paris aktiv gewesen war.

2005_1230Auribeau00191.JPGAm 24. August tauchten die ersten amerikanischen Soldaten in Roussillon auf, stürmisch begrüßt und zu einer Feier nach der anderen eingeladen. Auch die Gruppe der Widerstandskämpfer, die die Straßen für die Befreier bewacht hatten, zogen singend ins Dorf ein: „Ganz hinten, etwas außerhalb von Reih und Glied, ohne Gewehr und mit gesenktem Kopf, marschierte, ernst und grimmig schweigend, Beckett. Der Krieg war vorbei, und dafür war er dankbar, doch für Wein und Feiern hatte er keine Zeit. Zwei Jahre waren genug; er wollte zurück und das Leben nach seinen eigenen Vorstellungen leben.“ (Deirdre Bair, Samuel Beckett, Reinbek bei Hamburg, 1994, S. 427) Aber erst nach langem Warten kam Beckett zurück nach England und Irland und später wieder nach Frankreich.

Vom 9. Oktober 1948 bis zum 29. Januar 1949 schrieb Beckett, von nun an in französischer Sprache, sein berühmtes Theaterstück „En attendant Godot“ („Warten auf Godot“), veröffentlicht 1952 und uraufgeführt am 5. Januar 1953. Ganze Bibliotheken wurden darüber verfaßt; hier soll nur die Erinnerung an Roussillon zitiert werden:

2006_0404MursArdeche0070.JPGVladimir. – Tout de même, tu ne vas pas me dire que ça ressemble au Vaucluse! Il y a quand même une grosse différence.
Estragon. – Le Vaucluse ! Qui te parle du Vaucluse ?
Vladimir. – Mais tu as bien être dans le Vaucluse ?
Estragon. – Mais non, je n’ai jamais été dans le Vaucluse ! J’ai coulé toute ma chaude-pisse d’existence ici, je te dis ! Dans la Merdecluse !
Vladimir. – Pourtant nous avons été ensemble dans le Vaucluse, j’en mettrais ma main au feu. Nous avons fait les vendanges, tiens, chez un nommé Bonnelly, à Roussillon.
Estragon. – C’est possible. Je n’ai rien remarqué.
Vladimir. – Mais là-bas tout est rouge !
Estragon. – Je n’ai rien remarqué, je te dis !

Der deutsche Übersetzer Elmar Tophoven (die einzige autorisierte Übertragung ?) macht aus dem Vaucluse und Merdecluse, Breisgau und Scheißgau, und aus Bonnelly in Roussillon wird Guttmann in Dürkweiler. Aber es bleibt die Frage, was „da so rot leuchtet“?

Eine schöne Darstellung gab Sabine Günther in SWR2 Wissen am 30. März 2006; der Text kann heruntergeladen werden und ist leicht über „Google“ unter dem Stichwort „Beckett Bonnelly“ zu finden.

Kommentieren April 10th, 2006

Kirschblüte

2006_0404MursArdeche0069.JPGChristian Wagner (1835 – 1918), der wundervolle und wundersame, für seine Nachbarn bloß wunderliche Bauer und Dichter aus Warmbronn bei Stuttgart ist im Geiste weit umher gekommen, zweimal war er sogar in Italien, aber nie in der Provence, wo die Kirschbäume so herrlich blühen wie in seiner Heimat. Heute mußte ich angesichts der Blütenpracht an sein überquellendes Gedicht denken:

Blühender Kirschbaum

Ungezählte frohe Hochzeitsgäste
Groß und kleine, einfach und betreßte:
Herrn und Frauen, Edelfräulein, Ritter,
Ungezählte Väter wohl und Mütter;
Ungezählte Kinder, Großmatronen,
Jägerinnen viel und Amazonen,
Freche Dirnen wohl mit Ernsten, Frommen
Auf dem Edelhof zusammenkommen.

Ungezählte bräutlich schöne Zimmer,
Da und dort wohl mädchenhafter Flimmer,
Ungezählte rosge Hochzeitsbetten
Und daneben heimlich traute Stätten;
Rosenfarbig ausgeschlagne Stübchen
Für die Harfnerinnen und Schönliebchen;
Ungezählte Schalen mit Getränken,
Ungezählte Köche wohl und Schenken,
Ungemeßner Raum zu freiem Walten
In dem Hochzeitshause ist enthalten.

Ungezähltes Kommen oder Gehen,
Abschiednehmen, Kehren, Wiedersehen,
Essen, Trinken, Tanzen, Liebesgrüßen,
Liebgewordnes wohl umarmen müssen;
Ungezähltes inniges Umfassen,
Götterfreies wohl gewähren lassen;
Ungezähltes Leid und Selbstvergessen
In dem luftgen Saale, - währenddessen
Ungezählte selige Minuten
An dem Freudenheim vorüberfluten.

2006_0404MursArdeche0072.JPG

Kommentieren April 4th, 2006

Uzès

usez_1.jpg

Das Wasser, das die Römer einst über den Pont du Gard nach Nîmes leiteten, kam von den Höhenzügen, die heute vom Städtchen Uzès beherrscht werden.
Viele Reisende haben sich schon in Uzès verliebt und kommen immer wieder gerne hierher.
Warum wohl? Sie erliegen dem Charme einer besonderen Stadt am Rande der Provence und nahe am Pont du Gard.

usez_2.jpgBeherrscht wird die Altstadt, von einem teilweise platanenbestandenen Boulevard umschlosen, vom Schloß der Herzöge, der „Duché“. Die Gassen der Altstadt mit überraschend feinen Läden führen zur „Place aux Herbes“, rundum von Arkaden umgeben, besonders im Sommer ein zauberhafter Platz. Versteckt in der „Krypta“ nahe der „Duché“ findet man geheimnisvolle Reliefs aus dem 4. Jh.

usez_3.jpgDas Gegenstück zur alten Stadt mit dem Schloß bildet die Kathedrale Saint-Théodorit aus dem 17. und 19. Jh. Von der romanischen Kirche blieb nur der runde Glockenturm, einzig in Frankreich, mit sechs Rundbögen-Geschossen: „La Tour Fenestrelle“. Er blickt auf eine großzügige Parkanlage mit alten Bäumen: die „Promenade Jean Racine“; der Dichter verbrachte 22-jährig einige Zeit bei seinem Onkel, einem Geistlichen. Dort sollte der Dichter von seiner Theaterleidenschaft geheilt werden; zum Glück vergebens. Er fand übrigens die Nächte in Uzès schöner als die Tage in Paris!


Uzès (1987)

Von Gendarmen geleitet,
Le Tour de France
jagt vorbei:
Peleton et Maillot Jaune.
Geschundenen Knechten
erklingt als Heroen
Siegesgeschrei wie in Trance.

Fernab überm Grün
La Tour Fenestrelle:
Mauersegler und Schwalben
stürzen ins Licht,
ersinnt Racine
sein Gedicht
für Mademoiselle.

usez_4.jpg

Kommentieren April 2nd, 2006

„Dabeisein“; „Teilnehmen“; „Teilhaben“

Vermeide das „Zuschauen“ und schon gar das „Beobachten“ – vielmehr „Dabeisein“; „Teilnehmen“; „Teilhaben“ (Udine, Nacht)

So lese ich in Peter Handkes „Gestern unterwegs“, Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990,
Salzburg und Wien 2005, S. 452 und 426

Der Wind am Ende des Markttags über den Platz wehend wie bestellt, die flatternden Papiere auf dem Platz, die zerquetschten, die haftenden, die ganzen, die rollenden Früchte, das Sichbauschen des Verpackungsstrohs, der Sägespänespiralen, die großen Aufwirbelungen im Leeren, auch Menschenleeren, das Zerkrachen des Kistenholzes unter den Rädern der Autos, das endliche Für-sich-Sein der Platanen, des Wassers: die Wiederkehr jenes sich leerenden Marktplatzes, wo ich saß mit meinem Kind allein vor fünfzehn Jahren, samt der beglückenden Verlassenheit - und diese kehrt nun wieder, als Offenheit, samt dem Platzen der weggeworfenen Früchte jetzt, noch und noch, unter den Reifen

Kommentieren March 24th, 2006

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