Posts filed under 'Pflanzen'

Wind-, Sicht-, Lärm- und Diebstahl-Schutz

Überall dort, wo die Rhône Schwemmland ausgebreitet hat, ziehen unzählige Hecken und Baumreihen, zumindest zeitweilig Zäune aus Schilfrohr oder Bambus durchs Land: Windschutz gegen den Mistral, deshalb stets von Ost nach West reichend. Da wechseln, dichtgepflanzt, dunkle Zypressen mit wilden Pflaumen ab, blauschimmernde Nadelhölzer mit Pappeln. Landstraßen, oft noch von Platanen gesäumt, und schmale Feldwege, Kanäle und Wassergräben, Eisenbahnlinien und Schnellstraßen durchkreuzen und durchkurven wahllos und wild diese riesengroß ausgebreitete Parallelenschar. Dazwischen die Punkte der Häuser, klein die „Cabanons“, größer die „Mas“, wie Flecken (schwäbisch für Dorf!) die „hameaux, villages, villes“. Schön zu schauen von den Bergeshöhen entlang der Rhone, vom Luberon und den Alpilles, oder von den vielen Heißluftballons, die manchmal recht indiskret über den Pool oder am Fenster vorbei „fahren“; noch schöner im Luftbild vom Flugzeug aus, wenn Marignane den Abflug oder Anflug bestimmt. Wer genauer hinschaut, bemerkt, daß dieser Windschutz aus Hecken und Bäumen dort am dichtesten steht, wo Gemüse und Obst angepflanzt wird. Schon schütterer die Reihen, um den Wein zu schützen, noch weniger bei Getreideäckern und Grasland, und kahl zuletzt die Steinwüste der Crau. Und wie wohnt sich’s hinter der Hecke? Windgeschützt und mit sehr begrenzter Aussicht!

So war es schon lange in der Provence, denn der Windschutz war nötig – aber der Sichtschutz? Das ist ein neueres Kapitel in der Landschaft, denn jetzt tritt zur gewohnten Hecke im Norden eine weitere im Süden, auch wenn dahinter nichts Nennenswertes angepflanzt wird. Und im rechten Winkel schließen Hecken auch nach Osten und Westen. So markiert vor allem der ehemalige Städter sein ländliches Terrain: „Hier bin ich! Du sollst sehen, was mein ist, aber über die Hecke schauen sollst Du nicht, ich laß sie schon hoch genug wachsen.“ Manche markieren ihr neu gekauftes Land mit kleinen Zypressen oder ähnlichen Pflanzen (und wundern sich, wenn Diebe sie ausgraben, um sie zu verkaufen oder bei sich einzupflanzen). Unser Häuschen war früher auch ein bißchen wind- und sichtgeschützt: Zwischen den beiden Weinfeldern im Rücken des Hauses verläuft ein Graben, der das Wasser der Wolkenbrüche aufnimmt und ableitet. Dem entlang wuchsen früher Pappeln, frisch grün im Frühling, später Samenschnee schneiend, zuletzt gelb im Blätterfall und kahl im Winter. Nachdem der Sturm dürre Äste auf die Reben geworfen hatte, einmal auch ein Stämmchen zwischen sie gestürzt war, sägte unser Bauer leider alle Pappeln ab. Vorbei war die Erinnerung an Monets Frühlingsbilder, und die ferne Landstraße war näher gerückt. Entlang des hinteren Weinfeldes wuchs bis vor einigen Tagen eine Reihe wilder Pflaumen am Rand unserer Straße, einst als Windschutzhecke gepflanzt. Die gelben, roten und violetten Früchte schmeckten nicht schlecht, und viele Vögel fanden Schutz in der Hecke, gar einen Nistplatz. Jetzt waren die ersten Bäumchen dürr geworden und umgestürzt, und der junge Bauer hat alles kurzerhand herausgerissen und zu einem riesigen Haufen zum Verbrennen aufgetürmt. Da dort seit einigen Jahren Getreide wächst, wird er auch keine neue Hecke mehr pflanzen. Wer von Norden heranfährt, erblickt nun von der Furt aus unser Häuschen mit all seinen Anbauten in voller Breite (eigentlich Länge). Schade, wir wären gerne versteckter geblieben (aber auch die Schilder unserer schwedischen Nachbarn weisen deutlich auf uns: „Mas Rabassan“; doch das ist eine eigene Geschichte).

Lärmschutz gibt es an manchen Autobahnabschnitten und gelegentlich entlang der TGV-Trasse, aber bei uns „auf dem Land“ nicht, das ist auch nicht nötig: Die Landstraße ist genügend entfernt, man hört allenfalls mal kurz röhrende Motorräder, und unser Sträßchen ist wenig befahren. Das heißt, den meisten Krach macht der bellende Joki, unser Dackel! Der lärmt besonders laut, wenn die Heißluftballone am Himmel sind, gleichgültig ob bedrohlich nahe oder weit entfernt. Ihm genügt das Zischen der Gasflamme und erst recht der Eindruck am Himmel: hier stimmt was nicht! Aber etwa alle zwei Wochen gibt es Lärm durch Flugzeuge; das seien Flugschüler aus Istres, erklärte man uns, die allerdings regelmäßig ihr Übungsfeld wechseln müssen: danke! Und gelegentlich jagen unsere „Impôts“ (die Steuern) brutal dröhnend durch die Lüfte; das sind Mirages und andere gräßliche Kampfflugzeuge. Die Flugplätze Salon und Orange sind nicht weit. Und manchmal ziehen sie auch die Trikolore in Gestalt ihrer Kondensstreifen durch den Himmel.

Und die Diebe? Man lese einfach mal wieder die Geschichten aus dem „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“ von Johann Peter Hebel! Den Zundelheiner, den Zundelfrieder und den roten Dieter gibt es auch hier! Trotzdem umfrieden manche reiche Leute ihr Grundstück mit Mauern (Handarbeit, besonders teuer) und Zäunen (auch bei 2 m Höhe noch deutlich billiger) und schützen sich mit allerlei Warnanlagen. Auch wir installierten nach einem Einbruch eine Alarmanlage, aber manche Diebe kommen lieber am hellen Tag, wenn alles offensteht und die Leute abgelenkt sind. Bei uns halfen an einem Sonntagnachmittag, wir selbst waren verreist, weder zwei ältere Gäste am Pool, noch drei jüngere „Haushüter“ vor dem Haus, noch drei (!) schlafende Hunde, als die dreisten Diebe durchs Weinfeld von hinten anfuhren und ins Haus einstiegen. Am schönsten sind die großen Tore großer Anwesen, neben denen man über Gräben, Hecken, Felder oft doch noch aufs Gelände fahren kann! Übrigens schützen die Elektrozäune Pferde vor dem Ausbruch, Wildschweine vor dem Einbruch (wobei sie allerdings gespritzte Melonen verschmähen).

Kommentieren August 19th, 2006

„Château Migraine“

„Jetzt trink mr a Schatösche!“ pflegt Schwager Reinhard zu sagen, gleich, ob es um Rouge, Rosé oder Blanc geht. Da lob ich mir die schlichten Namen unserer heimischen Weingüter „La Verrière“ (Glasbläserei), „La Tuilière“ (Ziegelei), „Le Coulet Rouge“, oder im schwäbischen Fellbach, Stadt der Kindheit und Jugend, Aldinger, Häußermann, Schnaitmann.

migraine 001.jpgNun zeigt uns Murschetz in der „ZEIT“ vom 24. Mai 2006 seine Neuentdeckung, an die ich künftig immer denken werde, wenn wir in unserem kleinen Chor in Goult unser Lied „Chanson à boire“, ein Renaissance-Madrigal von Gabriel Bataille, singen, das unsere Chorleiterin Marie-France Reynet stets mit „La migraine“ ankündet, heißt es dort nämlich umgekehrt (!): „Qui veut chasser une migraine, n’a qu’à boire toujours du bon!“

Kommentieren May 30th, 2006

Vom Massiv des Cedres im Petit Luberon zum Turm Philippe

2006_0612MaurerViens0003.JPGMan erreicht das berühmte „Massiv des Cedres“ im Petit Luberon von Bonnieux aus über die Straße nach Lourmarin (D 36), von der man auf der Paßhöhe nach rechts abbiegt. Nach der geheimnisvollen Mauer, hinter der man Rapunzel vermutet, fährt man zur Höhe, vorbei an einem Café-Restaurant und einer Mautstelle während der Saison. Noch vor dem großen Parkplatz (mit zwei Schwellen) geht links ein Weg ab, mit einer Schranke gesichert. Dem folgt man, stets der blauen Markierung nach, gemächlich abwärts. An Ostern blühen hier die blauen und gelben Iris und die kleinen duftenden Osterglocken, im Mai dann die Zistrosen, Binsenlilien, Königskerzen, der blaue Lein, Salbei.

Dort, wo der Weg abrupt nach links abbiegt, gelangt man geradeaus zu einem schönen Platz mit Aussicht, von dem nur noch Jägerpfade in die Tiefe führen. Der Blick reicht bis zur Montagne Sainte Victoire und den Bergen bei Marseille! Abwärts erreicht man zuletzt einen Querweg. Von hier aus gelangt man, wieder der blauen Markierung folgend, nach links stetig sanft aufwärts über viele Köhlerplatten hinweg zur Höhe, zuletzt steil aufwärts, und der blauen Markierung nach links folgend (Ausblicke!) auf den Ausgangsweg zurück.

Schöner ist der Weg rechts abwärts, der bald auf den Wanderweg GR 97 (rot-weiß) von Süden trifft; es ist der alte Karrenweg von Lauris nach Bonnieux, dem man nach links aufwärts folgt. So erreicht man am Tour Philippe vorbei am Café-Restaurant die Straße.
Auf ihr gelangt man aufwärts wieder zum Parkplatz; so ist der Weg zwar länger, aber die Straße lohnt mit phantastischen Ausblicken: im Osten das Montagne de Lure und die Alpen, nordwärts Blick ins Tal und zum Mt. Ventoux, südlich die Montagne Sainte Victoire.

Vom Turm Philipps wird erzählt, der Besitzer des Grundstückes wollte unbedingt bis zum Meer schauen können; die romantische Variante aber geht so: Während des Baus verliebte sich der Maurer in die schöne Hausherrin, und um ihr möglichst lange nahe sein zu können, baute er den Turm höher und höher.

Kommentieren May 16th, 2006

Anemonen

Der Mensch steht der Natur gegenüber – und weiß sich doch eins mit ihr, wenn er lernt, den Zwiespalt erkennend oder fühlend zu überwinden. Im Wochenspruch Rudolf Steiners heißt es z. B. „Ich fühle Wesen meines Wesens: / So spricht Empfindung, / die in der sonnerhellten Welt / Mit Lichtesfluten sich vereint; / Sie will dem Denken / Zur Klarheit Wärme schenken / Und Mensch und Welt / In Einheit fest verbinden.“ Der Dichter und Bauer Christian Wagner aus Warmbronn bei Stuttgart (vgl. den Blogeintrag „Blühender Kirschbaum“) suchte zeitlebens die Verbindung zu aller Kreatur und kündete von ihr als „Märchenerzähler, Bramine und Seher“ und als Beschützer der Pflanzen und Tiere. Man mag heute manche seiner Gedichte als seltsam oder naiv abtun, und es haben beileibe nicht alle die hohe Qualität, die die Kenner bei einigen rühmen, aber man wird stets berührt sein von diesem eindringlichen Reden über die Natur. Auf einer Fahrt in die alte schwäbische Heimat erlebten wir dieser Tage einen langen Frühling: schon zu Ende gehend in der Provence mit verblühten Kirschen, solche in vollem Blust an Rhein und Neckar, erst zart sich öffnend auf den Höhen. Und so auch die Buchen: unten im hellen Grün, auf der Albhochfläche noch in Knospen, und dann überall die Platten, die Seen, ja Meere von weißen Anemonen! Zwei Gedichte Christian Wagners folgen, das eine schlicht und von liebevoll kindlichem Gemüt zeugend wie diese Blüten in der Frühlingssonne, das andere großartig in seiner Bildhaftigkeit, einzigartig in seiner Wortmelodie, durchdrungen von tiefem Ernst und frommem Glauben, jetzt Anemonen, vor Ostern noch einmal vom Schnee überrascht:

Anemonen

Sag, woher kommen
Die schönen, die frommen,
Die Tausend und Abermillionen
Weißgekleideter Anemonen?

„Wir sind Kindlein, die abgeschieden
So frühe hinieden;
Nun wohnen wir oben
Im Vaterhause da droben.“

Was tut ihr nun hier
Im Waldesrevier,
Ihr lieblichen Kleinen
Beim Frühlingserscheinen?

„Drum dürfen wir fort,
Jedes an seinen Heimatort;
Auf Ostern wird Vakanz gegeben,
Drei Wochen lang welch ein Freudenleben!“

„Und drum sind wir hier
Im Waldesrevier
Alle weiß gekleidet. Mägdlein wie Söhnlein
Mit goldenen Krönlein.“

Anemonen am Ostersamstag

Wie die Frauen
Zions wohl dereinst beim matten Grauen
Jenes Trauertags beisammen standen,
Nicht mehr Worte, nur noch Tränen fanden,

So noch heute
Stehen, als in ferne Zeit verstreute
Bleiche Zionstöchter, Anemonen
In des Nordens winterlichen Zonen.

Vom Gewimmel
Dichter Flocken ist ganz trüb der Himmel.
Traurig stehen sie, die Köpfchen hängend,
Und in Gruppen sich zusammendrängend.

Also einsam
Zeh und zwölfe hier so leidgemeinsam,
Da und dort verstreut auf grauer Öde,
Weiße Tüchlein aufgebunden jede,

Also trauernd,
Innerlich von Frost zusammenschauernd,
Stehn alljährlich sie als Klagebildnis
In des winterlichen Waldes Wildnis.

Aus: Christian Wagner, Gedichte, Frankfurt am Main 1980 (erstmals 1913 München)
mit einem Vorwort von Hermann Hesse und einem Nachwort von Peter Handke

Kommentieren May 9th, 2006

Frühlingsblumen

Mit all der Pracht der blühenden Bäume von der Mandel über Aprikose und Pfirsich, Schlehe und Pflaume, bis zu Apfel und Kirsche, Judasbaum und Glyzinie breitet sich auch am Boden ein Blütenflor sondergleichen aus. Da stehen als weißes Meer im satten, feuchten Wiesengrün die Narzissen, und manch einer weiß die Plätze, an denen sie man zuerst findet und jene, wo sie zuletzt noch aufblühen. Schön, wenn sie den Tisch zur Osterzeit schmücken! Goldglanz und süßen Duft verbreiten dann die kleinen Osterglöckchen, die tief zwischen den Kalkfelsen wurzeln; ihr Duft ist manchem zu stark und übertrifft, wie die intensive Farbe, jenen der Garten-Osterglocken.

Zum Gelb tragen auch die Primeln bei, heller und mit Weiß; ein Ton, den auch die kleinen Stiefmütterchen haben, zu dem dann wundersam das feine Violett als Gegen-Farbe steht. Dieser Ton, auch ins Blau spielend, leuchtet bei den Leberblümchen aus dem braunen, vertrockneten Eichenlaub; lange vorher sah man schon die typische Blattform dieses Frühblühers. Und schon lange blühen bescheiden die Veilchen, „wollen balde kommen“. An Weg- und Feldränder recken sich die tiefblauen kleinen Traubenhyazinthen, die man im Schwabenland „Baurabüble“ nennt; später werden sie überragt von der „Geschopften“ Traubenhyazinthe. Ganz anders stehen vereinzelt die viel größeren grünen Stauden der Nieswurz im lichten Wald. Nicht vergessen seien die bescheideneren Frühlingsblumen, die als kleine gelbe Sonnen zwischen den Reben leuchten, der fette Löwenzahn, die Platten voll mit Gänseblümchen, hauchzarte weiße Blütchen, wie feien Schleier ausgebreitet. Auffällig sind natürlich die Knabenkräuter, die fast wie Unkraut an manchen Straßenrändern auftrumpfen, und allerlei andere Orchideen, Ragwurze, auf den Heideflächen – eine Fall für Spezialisten! Und dort, wo die Osterglocken blühen, erscheinen auch die blauen und, seltener, gelben Schwertlilien, die auf dem Luberon der Mistral kurz hält: um so leuchtender die intensiven Farben (und auch sie rund ums Mittelmeer in verschiedenen Arten!). Strahlend weiß präsentieren sich die Milchsterne und am Ackerrand leuchten in zartem Rosa die wilden Gladiolen, manchmal auch auf der Brache, ansonsten, wie so vieles, tot gespritzt. Ein Glück, daß Rachel Carsons „stummer Frühling“ noch ein bißchen singt und klingt. Aus dem Feld ruft die Wachtel dem Bauern zu: „Bück dr Rück!“, und noch immer steigen die Lerchen jubilierend in die Luft.

Kommentieren April 17th, 2006

Kirschblüte

2006_0404MursArdeche0069.JPGChristian Wagner (1835 – 1918), der wundervolle und wundersame, für seine Nachbarn bloß wunderliche Bauer und Dichter aus Warmbronn bei Stuttgart ist im Geiste weit umher gekommen, zweimal war er sogar in Italien, aber nie in der Provence, wo die Kirschbäume so herrlich blühen wie in seiner Heimat. Heute mußte ich angesichts der Blütenpracht an sein überquellendes Gedicht denken:

Blühender Kirschbaum

Ungezählte frohe Hochzeitsgäste
Groß und kleine, einfach und betreßte:
Herrn und Frauen, Edelfräulein, Ritter,
Ungezählte Väter wohl und Mütter;
Ungezählte Kinder, Großmatronen,
Jägerinnen viel und Amazonen,
Freche Dirnen wohl mit Ernsten, Frommen
Auf dem Edelhof zusammenkommen.

Ungezählte bräutlich schöne Zimmer,
Da und dort wohl mädchenhafter Flimmer,
Ungezählte rosge Hochzeitsbetten
Und daneben heimlich traute Stätten;
Rosenfarbig ausgeschlagne Stübchen
Für die Harfnerinnen und Schönliebchen;
Ungezählte Schalen mit Getränken,
Ungezählte Köche wohl und Schenken,
Ungemeßner Raum zu freiem Walten
In dem Hochzeitshause ist enthalten.

Ungezähltes Kommen oder Gehen,
Abschiednehmen, Kehren, Wiedersehen,
Essen, Trinken, Tanzen, Liebesgrüßen,
Liebgewordnes wohl umarmen müssen;
Ungezähltes inniges Umfassen,
Götterfreies wohl gewähren lassen;
Ungezähltes Leid und Selbstvergessen
In dem luftgen Saale, - währenddessen
Ungezählte selige Minuten
An dem Freudenheim vorüberfluten.

2006_0404MursArdeche0072.JPG

Kommentieren April 4th, 2006

Da hilft kein Schwein: Trüffel werden rar!

In der F.A.Z. vom 23. 3. 2006 steht unter einem Bild von einem Bauern mit Trüffel und Schwein folgende dpa-Schreckensmeldung:

Unter den Trüffelsuchern in Europa herrscht Katastrophenstimmung. Sie finden seit Jahren immer weniger Exemplare der „Schwarzen Diamanten“ und sind deswegen jetzt in Nizza zu einem Krisentreffen zusammengekommen… Sie suchen nach Wegen aus dem Schwund. Forscher sollen ihnen helfen, die Geheimnisse der nur schwer berechenbaren Trüffel zu lüften… „Früher wurden die Wälder noch mehr gepflegt, uns das Land war noch naturnah und nicht so verödet, da gab es eine riesige Ernte, und wir brauchten keine Hilfe.“ … Von tausend Tonnen vor einem Jahrhundert ist die Trüffelernte auf deutlich weniger als jeweils hundert Tonnen in den vergangenen Jahren gesunken. 2006 sei in Frankreich nur mit zehn bis zwölf Tonnen zu rechnen, hieß es.

Das Kilogramm kostet zur Zeit bis zu 1000 Euro: bei 10 Tonnen setzen die französischen Trüffelsucher bis zu 10 Millionen Euro um! In unserer Heimat gibt es berühmte Märkte in Carpentras, Richerenches, Ménerbes. Übrigens frage ich mich, warum die Nachbarn ihre Trüffeleichen mit dem stark belasteten Durance-Wasser bewässern. Vielleicht ist der Trüffelpilz ein Indikator für Umweltbelastung?

Kommentieren March 24th, 2006

Cupressus telecomunis

Blick zum FriedhofDie provenzalische Zypresse, breiter und stärker als ihre schmale, schlanke italienische Schwester beherrscht zusammen mit verschiedenen Kiefern, Eichen und Steineichen den Midi. Sie ist der Windschutz gegen den Mistral, sie hütet die Friedhofspforten, sie markiert Wegkreuzungen und Gehöfte. Die Zypressen rund ums Mittelmeer sind alles Züchtungen der Art Cupressus sempervirens, deren Name sich von der Insel Zypern ableitet. Zypressen gibt es in der alten und in der neuen Welt in verschiedenen Formen. Nun ist es Biotechnikern in Frankreich gelungen, eine neue Art, genannt Cupressus telecomunis, zu züchten! Sie zeichnet sich aus durch enorme Wachstumskräfte und äußerste Widerstandsfähigkeit gegen alle Witterungseinflüsse. Diese Vorteile müssen allerdings mit einer gewissen Einförmigkeit, gar Unförmigkeit und einem Kunstgrün bezahlt werden.

Cupressus telecomunisDas erste Exemplar entdeckten wir in Gordes, ausgerechnet vor dem Friedhof, von dem der Blick bis zum Luberon und den Alpen reicht. Hinter dem Schloß, vorbei zwischen dem alten Hospital, jetzt zur Mairie geschönt, und der Post, erreicht man den aussichtsreichen Weg zum Friedhof. Dort, wo der breite Weg endet und als schmaler Pfad weiterführt, wurde ein kleiner Cabanon gebaut (wer gab dafür wohl die Baugenehmigung?) und dahinter wuchs hexenschnell eine solche Cupressus telecomunis. Bald wird diese Neuzüchtung an überragenden Punkten die Provence beherrschen. Unsere kleine Bilderreihe sagt alles über die Hintergründe einer Vertuschung: „Cacher la misère!“

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Kommentieren March 20th, 2006

Die Geschichte vom Geizhals Jean Gautier

Nicht weit von uns, in einem Hameau an der kleinen Landstraße, die in die Berge führt, wohnte der alte Bauer Gautier (Name geändert), “Geizhals” wurde er überall nur genannt. Er lebte ohne Frau und Kind zusammen mit seiner einfältigen Schwester und einem Schafhirten im elterlichen Haus, das hinter einem rostigen Gitterzaun unter Maulbeerbäumen lag und einen verwahrlosten Eindruck machte. Gautier war ein kleiner Mann, etwas ungepflegt und immer eifrig mit der Landarbeit zugange. Ein pfiffiger Zug spielte um seinen Mund, und unter runzliger Stirn blitzten schlaue Augen. Er besaß viele Felder und Weingärten, dazu Weideland und ansehnliche Waldstücke, ein Teil davon die sorgsam gehaltenen Eichenwäldchen, wie man sie oft in den Berglanden der Provence findet. Wie reich er tatsächlich war, erfuhren wir nie, aber sein Geiz war auch uns bekannt worden - und die typische Haltung der Geizigen, auch sich selbst nichts zu gönnen. “Wozu bloß?” fragten viele im Dorf, denn außer der alten Schwester gab es keine Erben. “Der Staat wird sich freuen, ” spottete mancher, denn in der Kirche (auch gelegentlich Erbe), nur einmal im Monat las man hier noch die Messe, war Gautier seit Menschengedenken nicht mehr gesehen worden.

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Trüffelsuche

Damit hat der Name unseres Quartiers zu tun: „Rabassan“. Das ist ursprünglich ein provenzalisches Wort, und in der Tat gibt es rund um unser Haus noch einige alte und zunehmend auch neue Trüffeleichenwäldchen, und sogar wir haben zwei Reihen chêne blanc und chêne vert gepflanzt, allerdings mehr als Sichtschutz, kleine Setzlinge mit Impfzertifikat für die Trüffel. Es gibt drei klassische Methoden, um unter den Eichen das schwarze Gold, nein, nicht Kohle oder Erdöl, zu finden: 1. À la mouche – eine bestimmte Fliege pflegt zu bestimmten Zeiten ihre Eier in die Trüffeln zu versenken (weitere Auskünfte durch unsere Freundin Christel K.), 2. Mit dem Hund – so macht es, wie die meisten Provenzalen, unser Nachbar, doch nach dem Tod des ersten Trüffelhundes, vom Postauto überfahren, muß der arme Kerl stets an der Leine bleiben, schließlich ist er ja wertvoll, 3. – mit dem Schwein, doch darüber aus berufenem Journalistenmunde später.
Wir stehen eigentlich nicht so sehr auf Trüffel, der Pilzgeschmack ist eher mäßig, die Konsistenz, mit Verlaub, nichts besonderes, lediglich der Duft, l’odeur, der hat es in sich: Unvergeßlich, wie eines Silvesterabends bei Elisabeth und Karl-Heinz der kleine Junge der Freunde noch eine Cola wollte, und die Hausfrau den Kühlschrank, wo noch weitere Trüffel lagerten, öffnete, und eine unglaubliche Duftwolke die große provenzalische Bauernküche erfüllte – das war stark! Der geneigte Leser findet übrigens leicht Tausende von Internet-Einträgen, Hunderte von Trüffelrezepten, nur zu! Wir empfehlen hier das in unserer Region entstandene, sehr kenntnisreiche und höchst romantische Buch des jüngst verstorbenen Romanciers Gustav Sobin, „Der Trüffelsucher“.
Aber nun zum Schwein:

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