Jagdszenen im Luberon
Wir Deutsche verstehen das Jagdfieber der Franzosen oder der Italiener wohl kaum (und auch dort versteht es nicht jeder), aber in der Provence muß man damit leben – auch mit ungewollten Opfern unter den Jägern (selber schuld!) oder gar unschuldigen Zivilopfern wie Wanderern, Radfahrern, Pilzsammlern (Tragik). Zur Jagdzeit gehen wir deshalb gerne bunt gekleidet und laut singend durch die Wälder, und Dackel Joki, von den Jägern stets lebhaft begrüßt, trägt eine rotes Band und ein Glöckchen. Nach und nach lernten wir die Plakate lesen und verstehen, z. B. „Treibjagd“ oder „Pilze sammeln verboten“. So begegneten wir einmal längs eines Waldwanderweges in den Bergen des Vaucluse alle hundert Meter einem Jäger mit Flinte, der auf die Wildschweine wartete, die mit viel Lärm aus der Schlucht emporgejagt wurden. Man sieht das ganze Jahr über diese aufgetürmten Steinhäufchen, die als Wartesitz dienen, das summiert sich! Auf jener Wanderung waren wir wohl früh genug auf dem Weg, also vor den „sangliers“, und wir erreichten unbeschadet weit tiefer den Wendepunkt unserer Tour, einen alten, halb zerfallenen Hof. Da loderte bereits das Feuer, und die ersten Jäger brieten, unterstützt von „Pastis“, „Eau de vie“ und „Rouge“, das Fleisch aus dem Supermarkt. Der ermüdende Schlußteil des Weges führte dann mit vielen Kehren über eine Stunde aufwärts zu unserem Parkplatz. Es begegneten uns da, ungelogen!, zwei Dutzend Jägerautos vom R4 bis zum Landrover, alle voll mit Jägern und vielen Hunden, gelegentlich auch mit Frauen, und sie strebten alle jenem flackernden Feuer zu, wo die erfolgreiche Jagd gefeiert werden sollte. Und vielleicht erklären sich die Jagdunfälle und mancher Jägerautounfall mit den genannten Flüssigkeiten.
Von den Wildschweinen wäre noch eine heiße Geschichte zu erzählen, die wir zum Glück ungefährdet überlebten. Im den Landkarten des Luberon gab es zu unserem großen Erstaunen eine schöne Gegend zwischen Buoux und Lourmarin ohne Wanderwege, und wir beschlossen eines Tages, sie zu erkunden. Wir drangen von der Höhe her auf einem schmalen Pfad dorthin vor und erreichten nach Wald und Gesträuch ein großes Feld, an dessen fernen Ende wir Wildscheine gewahrten, einige größere Tiere und wenige jüngere. Beruhigt ob der Entfernung gingen wir weiter durch ein kleines Eichenwäldchen hindurch, jetzt auf breiterem Weg, als sich weitere Felder auftaten und links von uns, entlang eines Ackerrains, viele Frischlinge hintereinander galoppierten und vor uns den Weg querten. Uns stockte der Atem, als wir dort, zwischen zwei Reihen von Eichen, eine ganze Rotte von Wildschweinen in geringer Entfernung sahen, Dutzende von Tieren, groß und klein, die alle aufmerksam zu uns herschauten. Wir wußten, ein einziger Angstlaut der Frischlinge, und wir waren gefährdet: wo war die kleine Eiche, die man erklettern könnte? Wir faßten uns voll Angst an den Händen und gingen leise weiter und waren auch bald der Gefahr entronnen, als nahe einer alten Bergerie plötzlich einige Pferde auftauchten, die uns nicht weniger Angst machten. Zum Glück ließen sie uns ungeschoren passieren und wir konnten zuletzt ungestört am Rande eines Steinbruchs rasten. Dort war es still und schön, denn die Arbeit ruhte während des Sommerurlaubs. Jetzt sahen wir auch die ersten Warnschilder wie „Betreten verboten“ und „Privé“ und „Pflanzungen“ und „Tierzucht“. Später, abwärts zur Combe de Lourmarin, gab es weitere Schilder mit „Betreten verboten!“ und zuletzt, unten am rostigen Eisentor, auch ein Schild, das selbst den Fußgängern den Zutritt verbot. Wir kehrten, dem Bachlauf des L’Aiguebrun folgend über die schöne „Muschelbrücke“ zum Fort Buoux zurück – und atmeten auf. Wanderer, kommst du nach Frankreich, so bedenke, daß viele Wege und Zutritte, die einstens frei waren, heute verboten sind! Warum eigentlich? Nach dem Jagdrecht und dem Weißbrot gäbe es heute das Wegrecht neu zu erkämpfen, spätestens 2089! Zum Glück legen immer mehr Gemeinden die alten Kommunalwege frei, auf denen sich so schön wandern läßt und die neuerdings oft sehr genau mit Wegweisern und gelben Strichen markiert sind. Jäger scheren sich übrigens kaum um Weg- und Fahrverbote …
Bevor man heutzutage im Süden jagen kann, muß man ja zuerst das Wild aussetzen, denn sonst gäbe es kaum Abschüsse. Bei den Wildschweinen sieht das so aus, daß man nur noch halbwilde, fast zutrauliche Tier findet, die die Menschen längst gewöhnt sind – siehe oben! Und sie sind so klug wie ihre Artgenossen in Berlin, die von den Wäldern aus die Gärten, Parkanlagen und Friedhöfe heimsuchen. Nach einem einzigen Schuß, hoffentlich ein Treffer, ist dann für diesen Tag kein Schwein mehr zu finden.
Joki hat neulich eines aufgestöbert und laut verbellt. Dann kam er mit blutender Zunge zurück – nein nur blutig vom Lecken der Wunde, die das Wildschwein in die Flanke gerissen hatte. „Zum Glück für ihn war es ein kleines Tier!“, meinte danach der Tierarzt und erzählte, daß es zunehmend Verletzungen durch Wildschweine bei den Hunden gäbe, oft Haus- und Hofhunde, die den Eindringling aus dem Garten vertreiben wollten. Früher waren es so gut wie immer Jagdhunde, deren Wunden er zu versorgen hatte.
Mit den Rebhühnern erlebten wir das ausgesetzte Wild auf recht drollige Weise: Eines Spätsommermorgens, noch recht in der ersten Frühe, spazierte ein großer Trupp derselben vor dem Haus einher, alle folgten artig hintereinander einem Leithuhn, und als das meinte, über unseren Brunnen steigen zu müssen, folgte das Doppeldutzend brav hinauf und hinab hinterher. Ein halbe Stunde später tauchte die Gruppe hinter dem Haus im Weinfeld auf – und der kleine Enkel begrüßte entzückt die Schar, die sehr zutraulich hinter der Küchentür verweilte, dann, aufgeschreckt, nicht etwa in schnarrendem Flug entwich, sondern gemächlich von dannen stolzierte. Das hatte ich aus meiner schwäbischen Kindheit ganz anders in Erinnerung, als in der Mittagsglut, ich war zum „Träuble-Zopfen“ (Johannisbeeren ernten) abkommandiert, plötzlich schreckenslaut ein Zug Rebhühner abschnurrte.
Eine traurige Geschichte bieten zumeist die armen, eingesperrten Jagdhunde, die nur selten aus ihrem Zwinger herausgeholt werden; aber auch das ist den Provenzalen kaum verständlich zu machen. In unserer weiteren Nachbarschaft hören wir fast täglich solche armen Geschöpfe bellen und heulen. Wie gut haben es da unser Joki und auch der Golden Retriever unserer nächsten Nachbarn, der kostbare Trüffelhund bleibt allerdings an der Leine, nachdem der Vorgänger vom Postboten überfahren wurde. Einmal begegnete uns in der einsamen Wildnis ein Jäger auf dem Motorrad, der seinen Hund suchte. Wir konnten ihm nur sagen, daß seit Stunden tief unten in der Schlucht immer wieder ein Hund Laut gibt. Ein Geständnis legte der Jäger oberhalb von Murs ab, denn als ihm Karin erzählte, daß Joki stets zurückkäme, schüttelte er traurig den Kopf – und senkte ihn, als Karin fragte, ob er über das Jahr eingeschlossen sei. Als französischer Jagdhund wären auch wir längst ausgerissen! Dazu paßt auch das jüngste Erlebnis von Karin und Christel K.: Oberhalb von Bonnieux fanden sie einen nette Jagdhündin, die Jokis lebhaftestes Interesse weckte. Bei einer mürrischen Bäuerin gelang ein Anruf, denn der Hund trug natürlich Halsband und Glocke. In Bonnieux trafen sie sich vor dem Hotel „César“ mit dem Jäger, dessen Karre mit Vierradantrieb mit weiteren Hunden voll war. Aber die Hündin wollte dahin nicht zurück, der Jäger mußte Gewalt anwenden. Übrigens kein großer Dank, nicht einmal 5 Euro für zwei Tassen Café … Nach längerem Nachsinnen erklärte sich uns auch folgender Fund in der Montagne de Lure, dort sahen wir übrigens einmal eine Hirschkuh gegen die Crête springen! Wir entdeckten am Wegrand ein seltsames Stilleben: Auf einem Quadratmeter gräs(!)lich grünem Kunststoffteppich lag eine alte Jacke und daneben stand ein roter Plastiknapf mit Wasser und lag ein Häufchen Hundefutter. Klar, dort hoffte der Jäger seinen verlorenen Hund bequem auch noch nach der Jagd zu finden, wenn er die Strecke mit dem Wagen abfuhr. Wir freuen uns immer aufs neue, wenn wir noch einen Hasen ums Haus sehen, gar einen Fasan oder im Scheinwerferlicht des Wagens Fuchs oder Dachs.
Fügen wir noch ein trauriges Kapitel an: Was sagen uns die Begriffe „Lockvogel“ und „auf den Leim gehen“? In Deutschland ist jene Zeit, da Herr Heinrich der Vogler am „Vogelherd“ saß, zum Glück vorbei, aber hier, rund ums Mittelmeer, werden die Singvögel trotz aller Verbote noch immer gefangen – und verspeist! Erst neulich erzählte unsere Freundin Iris, wie sie beim weiten Gang mit den großen Hunden abseits im Ödland mit Gestrüpp und Bäumchen Käfige mit Lockvögeln fand und nicht weit davon ein Auto. Später begegnete sie einem alten Bauern mit Flinte, der sich dorthin zur Vogeljagd schlich. Wir fanden anfangs unserer Zeit in der Provence, jetzt Jahrzehnte zurück, gelegentlich auch Leimruten (und fürchten heute noch wegen unseres lieben Dackels „Joki“ die Fuchseisen!) Einmal bot uns Emilienne, die älteste Freundin hier, und vor Jahren verstorben, einige „grives“, also Drosseln, an, die sie geschenkt bekommen hatte, aber wir vermochten sie so wenig zu essen wie sie. Und Christel erzählte aus alten Tagen von den „pains à canapée“, mit Singvögeln geröstet, die angeblich köstlich munden. Erst dieser Tage fand ich unweit des Hauses unter den Weiden am Bachlauf einen neu aufgestellten Jagdstand, umgeben von einigen Lockvögeln in ihren Käfigen, und etwas entfernt stand ein kleiner Lieferwagen. Neugierig trat ich näher und wurde durch den Sehschlitz des dunkelgrün gestrichenen Kastens von einem bärtigen Jäger begrüßt. Als ich ihn wegen der Vogeljagd schalt, meinte er, bis Ende Februar sei die Jagd auf „grives“, Drosseln also, erlaubt. Die Lockvögel sollen die Zugvögel anlocken! Unser Bauer bestätigte, daß die Jagd auf „Vögel“ verboten sei, nicht aber jene auf Drosseln, Hühnervögel, Enten, Gänse usw. In der Jägersprache sind „Vögel“ wohl nur das kleinere Federvieh! Neben Haushühnern aller Art halten die Bauern auch Wachteln, die sie auf den Märkten ebenso verkaufen wie die Wachteleier. Überall im Land sieht man noch die alten Taubentürme oder zumindest Taubenschläge unterm Dach. Die Anzahl der Tauben entsprach einst dem bäuerlichen Ackerbesitz, und man aß die feinen Täubchen gerne (heute verhältnismäßig teuer), und verstreute ihren Kot als wertvollen Mist. Ortolane, schöne Ammern und herrliche Sänger, gelten als die größte Delikatesse, obwohl sie früher eher das Zubrot armer Leute waren. Noch heute werden sie trotz des Verbots z.B. in den „Landes“ im Südwesten Frankreichs (mit Ausnahmegenehmigung !?) gefangen – und der todkranke Premier Mitterand verspeiste sie als letztes Mahl vor seinem Tode in Gesellschaft weniger Freunde. Auch dies ist ein dunkles Kapitel französischer „Rechtspflege“ innerhalb der Europäischen Union.
Kommentieren February 25th, 2006
„Foie gras“, die umstrittene gestopfte Gänse- und Entenleber, haben die Abgeordneten der französischen Nationalversammlung in seltener Einstimmigkeit zum „nationalen und gastronomischen Kulturerbe“ erklärt. Die Erklärung wurde am Montagabend als Zusatz zum Landwirtschaftsgesetz verabschiedet und vom Verband der Stopfleberproduzenten umgehend mit Jubel quittiert. Das Stopfen von Geflügel, das bei den Tieren die Entstehung der als Delikatesse weiterverarbeiteten Fettleber herbeiführt, wird von Tierschützern kritisiert. Nach Deutschland werden jedes Jahr 121 Tonnen Stopfleber eingeführt. (AFP)
Fast überall sind sie in der Provence zu Hause und eigentlich unübersehbar: die Raubvögel, von den Falken und Bussarden bis zum „L’Aigle Bonnelli“, dem kleinen Habichtsadler des Luberon, und dem Schmutzgeier. Besondere Ehre erwies uns einmal der
Aus den Bilderbüchern der Kindheit, aus Liedern und Sprüchen war er längst bekannt, aber jetzt machte er uns die Freude, ganz nahe über den kurzen Frühlingsrasen zwischen Weg und Heide zu hüpfen, und gleich zu fünft! Fortan war der Blick geschärft, wenn irgendwo etwas Gestreiftes in Braun und Dunkel und Hell aufflog, wenn sich über spitzem Schnabel und Glanzaugen ein Federkamm von solchen Farben erhob. Einmal, solch ein Glück, saß ein Pärchen des Morgens im alten Pflaumenbaum dicht vor dem kleinen Fensterchen, und wohl eine Viertelstunde lang konnten wir ihnen bei der Morgentoilette zuschauen. Welch ein Wenden und Neigen, Bücken und Strecken, um alle Federn zu putzen! Manchmal schien der zusammengelegte Kamm wie der Schnabel, dann wieder spreizte er sich wie ein Fächer. Aber die Freude über den Wiedehopf wurde immer seltener, denn in dem Maß, wie die Bauern ihre Weingärten und Felder spritzten, und gerade die Franzosen sind da nicht kleinlich, verschwanden diese Insektenfresser, und bald war es ein Glücksfall, den Wiedehopf zu sehen. Für uns wurde auch er Opfer einer geschädigten Natur, in der die Giftspritze vermeintlichen Fortschritts alle Kreatur - und erst recht den Menschen - gefährdet. Wo sind heute die Schmetterlingswolken der Kindheit, wo die vielen Nashornkäferund langfühlrigen Bockkäfer? Wer kennt noch die Scharen der Heuschrecken, die Schritt um Schritt vor den Füßen aus den bunten Wiesen aufsprangen? Erst im Sommer 2005 hatten wir fast täglich wieder Besuch des Wiedehopfs. Meist flog er über dem Schwimmbad an und suchte in der bunten Hecke südwärts nach Heuschrecken, die es in diesem trockenen Sommer in Fülle gab, und westwärts flog er dann vor dem