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Purpurglut am Himmel, des Morgens, am Abend. Manche Rosenblüte, Granatäpfel, gewisse Malven, Flecken auf Schmetterlingsflügeln. Zuerst die Phönizier, danach griechische Tuchfärber in Massalia, Senatoren und Gesandte im römischen Vaison und Orange. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, wozu auch lange die Provence gehört hatte. Päpste und andere geistliche Würdenträger in Avignon, ihrem goldenen Gefängnis. Und heute?
Wer die steilen Gassen in Lacoste am Luberon hochsteigt, erreicht zuletzt die Mauerreste des alten Schlosses, in dem einmal der berüchtigte Marquis de Sade zu Hause war (und wo heute in einem restaurierten Turm von Zeit zu Zeit der Modeschöpfer Cardin residiert, der im Sommer im alten Steinbruch sein Festival veranstaltet). Nicht weit davon lebt seit vielen Jahren die deutsche Malerin Inge Boesken-Kanold – und bei ihr findet man den kostbaren Purpursaft! Sie beschäftigt sich schon seit langem mit Naturfarben und vertiefte speziell ihre Kenntnisse über die Purpurschnecke und die Gewinnung ihres Saftes, mit dem sie auch in vielfältiger Weise malerisch experimentiert. Darüber ist in der großartigen Zeitschrift „mare“ im Heft Nr. 59 (Ende 2006) unter der Überschrift „Die Farbe der verlorenen Zeit“ ein umfänglicher Artikel von Maik Brandenburg erschienen.
Kommentieren December 30th, 2006
Mit der Weihnachtspost von Traute und Günther E. erreichte uns ein knallgelbes Büchlein mit blauen Buchstaben und einem Foto eines Zitronenzweiges: „Kennst du das Land …?“ Ja, „jeder braucht seinen Süden.“ So betitelt der Schweizer Iso Camartin, vielseitiger Schriftsteller und Kulturmanger, sein kleines Buch in der Suhrkamp-Reihe „Bibliothek der Lebenskunst“, ein lebendiges, kluges, vielseitiges Brevier. Nun, sein Süden sind die Inseln des Mittelmeers, Sizilien vor allem, unserer dagegen die Provence mit dem Zentrum Luberon. Und im Kapitel „Die blaue Stunde“ berichtet Camartin tatsächlich auch von Cézanne und seinem ungeheuerlichen Blau. Gleich in der Einleitung zitiert er übrigens Ungaretti mit dem „südlichste(n) Gedicht aller Zeiten“:
Mattina
M’illumino
d’immenso
Morgen
Ich erhelle mich / aus Unendlichem
Morgen
Ich erleuchte mich / durch Unermeßliches
(Ingeborg Bachmann)
Kommentieren December 29th, 2006
„An René Char bin ich die Steilwände hochgestiegen, jahrelang, doch man stellt sich nicht vor, wie Bodrerito den hineinzieht: in den Bauch.
So darf man es nicht sagen, das wäre zu wenig, es läuft über die Sinne, dann über einen sechsten, der Osmose ist, über die Poren: jede einzeln.
Steif ausrufen: je ne lis pas … dann aber wirst du der Strand, und die Wort-Wellen dieses Meeres lecken dich.
Bodrerito, man reiht sie fürwahr unter jene Matinaux, die allein den Dichter kümmerten.”
Hier ist auf ein großartiges und großformatiges Erzähl-, Gedicht-, Essay- und Bilderbuch hinzuweisen, fast ein halbes tausend Seiten stark, das 1996 im Verlag Stroemfeld/Roter Stern (Basel und Frankfurt a. Main) erschienen ist. Die Wasser der Rhone rauschen aus den Alpen südwärts ins hellere Licht, dann und wann aufbrausend vom Mistral begleitet. Auch der Dichter ist auf dem Weg vom Wallis nach Süden, nach Nîmes, angezogen von seiner Liebsten „Bodrerito“. Und der Fluß raunt: „J’ai un fleuve qui court après ma femme.“
Unser Reiseführer auf höchst persönliche Art ist der Schweizer Schriftsteller Pierre Imhasly, d
Kommentieren May 30th, 2006
Am Ende der Ardèche-Schlucht, heutzutage im Sommer ein Rummelplatz ohnegleichen, liegt gegenüber der eindrucksvollen Kulisse von Aiguèze das Dörfchen St. Martin d’Ardèche, wo sich Leonora Carrington und Max Ernst am 15. August 1938 ein Haus mit Nebenbauten und viel Land kauften. Argwöhnisch beobachteten die Dörfler das exzentrische Paar und ihre verrückten Besucher, die in harter Arbeit das Anwesen restaurierten und mit allerlei Kunstwerken schmückten. (Man erreicht das Haus vom Kreisverkehr im Südosten des Dorfes aus bergauf).
Dann brach der Zweite Weltkrieg aus und viele Deutsche, die vor den Nazis nach Frankreich geflohen waren, mußten sich bei der Polizei melden. Max Ernst, schon bald zwei Jahrzehnte in Frankreich „zu Hause“, folgte der Aufforderung nicht und wurde Tage später in Handschellen abgeführt. Aus dem Lager bei Aubenas wurde er Ende Oktober in das große Internierten-Lager Les Milles bei Aix überstellt. Auf Betreiben seines Freundes Paul Eluard kam er an Weihnachten aber wieder frei.
Es folgte eine Phase konzentrierter Arbeit am Haus und am malerischen Werk. Mit dem Beginn des „Blitzkrieges“ im Westen im Mai 1940 wurde Max Ernst erneut in Les Milles interniert. Leonora Carrington konnte die neue Situation nicht bewältigen, erlitt einen Nervenzusammenbruch und verkaufte unter dubiosen Umständen das Haus samt allem, was darin von Max Ernst und den Freunden aufbewahrt war. Während sie über Andorra schließlich nach Spanien ausreisen konnte, war Max Ernst in jenem Gespensterzug unterwegs, der von Aix nach Bayonne und wieder zurück nach Nîmes fuhr.
Erst viel später, im Juli 1941, kam Max Ernst mit Hilfe Varian Frys und der Unterstützung von Peggy Guggenheim, die sich in den Künstler verliebt hatte, aus Frankreich frei und erreichte mit dem Flugzeug New York, wo er kurze Zeit mit der Sammlerin verheiratet war. Die anrührende Liebesgeschichte zwischen Max Ernst und der jungen Leonora Carrington, die so dramatisch endete, liest man am besten in dem Buch von Silvana Schmid, die Jahre lang genau recherchiert und alles höchst lebendig dargestellt hat: „Loplops Geheimnis, Max Ernst und Leonora Carrington in Südfrankreich“, Frankfurt a. M. 2000.
Dort ist auch zu erfahren, was aus dem Haus in St. Martin d’Ardèche wurde, wohin viele der Kunstschätze verschwanden und warum das Haus erst im Jahr 2000 unter Denkmalschutz gestellt und die „Reste“ der Reliefs restauriert wurden.
Hinter dem geheimnisvollen Namen „Loplop“ verbarg sich Max Ernst selbst, andererseits verwendete er den Namen „Loplop alias Hornebom, der Vogelobere“ auch für manche seiner Vogeldarstellungen in Frottagen und Collagen, Gemälden und Skulpturen. Schon früh zeigte sich seine Besessenheit vom Vogelthema: „Am 2. April 1891, um 9.45 Uhr, hatte Max Ernst seinen ersten Kontakt mit der fühlbaren Welt, als er aus dem Ei schlüpfte, das seine Mutter in eines Adlers Nest gelegt hatte, und welches der Vogel dort sieben Jahre ausgebrütet hatte.“ (Autobiographie) – „Loplop présente“ wurde gewissermaßen sein Markenzeichen.
Mit seiner Frau Dorothea Tanning kehrte Max Ernst 1953 nach Frankreich zurück und nahm zuletzt Wohnung in Seillans im Var, wo das Paar fünf Jahre später 1968 ein eigenes Haus mit großem Garten bezog. Am 1. April 1976 starb der Maler in seiner Pariser Wohnung, in die er krankheitshalber zurückgekehrt war. Auf dem Bouleplatz von Seillans mit seinem weiten Blick ins Land erinnert eine Statue an den Künstler.
Kommentieren April 9th, 2006
Zum 25. Male feiert das kleine Dorf Murs oberhalb von Gordes mit etwas mehr als 400 Einwohnern seinen Karneval, der weit im Umkreis bekannt ist. Am Nachmittag versammeln sich viele Dörfler, darunter eine muntere Kinderschar, bunt verkleidet zu einem Umzug, der einem geschmückten Pferde- oder Eselkarren folgt. Darauf ist der „Carmentran“ festgebunden, eine menschengroße Puppe, die stellvertretend für alle Bosheit und Schuld im Dorf steht. Über ihn wird später vor dem Rathaus Gericht gehalten, eine gute Gelegenheit, dem einen oder anderen indirekt die Meinung zu sagen oder Schandtaten anzuprangern.
Der Name „Carmentran“ ist natürlich von „carême“ gleich Fastenzeit abgeleitet. Wenn dann in der Nacht oben auf dem Kirchplatz vor dem Schloß der „Carmentran“ verbrannt wird und alle tanzen, ist es wie ein altes „Winteraustreiben“, in den Alpenländern noch heute gebräuchlich.
Die Narrentruppe wird von einer Gruppe weiß gekleideter „Mehlstäuber“ angeführt, die vor allem jene mit Mehl voll blasen, die nicht verkleidet kommen. Ihnen folgt eine Schar von wild aussehenden Musikanten mit Trommeln, Pfeifen, Flöten und anderen Blasinstrumenten. In der Regel gehört zum „Carmentran“ auch ein Brautpaar, ein Mann als Braut, eine Frau als Bräutigam verkleidet, dazu der Pfarrer und der Advokat, die die Ehe beschließen werden.
Immer wieder hält der Zug zum Tanzen und Singen an, und man hat Gelegenheit für närrische Begegnungen aller Art. Nach der Gerichtsverhandlung trifft man sich zu einem gemeinsamen Essen, andere gehen nach Hause, um mit Einbruch der Dunkelheit wieder zu kommen, und mit Fackeln hinauf zum Tanzplatz zu gehen.
Und im Tanz um das Feuer wird der Frühling begrüßt, der übrigens dieses Jahr über einen Monat später kam, so daß jetzt die Mandeln, sonst die ersten Blüten, zusammen mit Aprikosen, Pfirsichen und den Kirschen blühen. Murs, durch die Berge des Plateau de Vaucluse geschützt, ist übrigens bekannt für seine Kirschen, deren Weiß in der Frühlingssonne hell leuchtet. Das wohlerhaltene Dorf, im Anblick von Süden, dem schönsten, durch keinerlei Neubauten beeinträchtigt und vom Schloß überragt, ist von weiten Feldfluren, Kirsch- und Aprikosenfeldern, Weingärten und Wiesen, jetzt voller Narzissen, umgeben.
Neben alten Höfen, eindrucksvoll jener hinter dem Schloß („privé“), gibt es abseits viele Ferienhäuser, zwei Feriensiedlungen und einen Campingplatz. Von der südlichen Höhe geht der Blick bis zu den Alpen und über den Luberon hinweg zur Montagne Sainte Victoire bei Aix. Sehenswert sind die Ruinen der alten Wassermühlen in der Veroncle-Schlucht, wo das Wasser nach einem Erdbeben vor etwa hundert Jahren größtenteils versiegte. Mögen wir dort von allen weiteren touristischen „Erschließungen“ bewahrt bleiben! Auf den Feldern oberhalb der Schlucht kann man mit Glück und gutem Auge noch immer Pfeilspitzen u. a. aus der Steinzeit finden, gab es hier doch offensichtlich eine reiche „Produktion“!
Bekannt sind auch die alten Eichen rund um Murs, gleich drei mächtige Exemplare in einer Linie westlich des Dorfes. Wer sich ein “Bild” dieses schönen Örtchens machen will, soll zu dem Fotobuch greifen, das die Einwohner unter Anleitung des berühmten Fotografen Hans Silvester gestaltet haben. Hier sind das Dorf und seine Umgebung, die Bewohner und ihre Arbeit ungekünstelt dargestellt.
Diese Seite widme ich Hermann, dem erfolgreichen Boule-Spieler, der uns am „Carmentran“ (und auch sonst) gastfreundlich bewirtet, Götz, der unserem kleinen Kammermusikkreis Heimstatt bietet und unserem Maurer Thierry. Der berühmteste Mann aus Murs bleibt aber Crillon le Brave, der tapfere Waffengefährte Heinrich IV., der hier in dem schönen alten Haus neben der romanischen Kirche 1543 geboren wurde.
Kommentieren April 7th, 2006

Das Wasser, das die Römer einst über den Pont du Gard nach Nîmes leiteten, kam von den Höhenzügen, die heute vom Städtchen Uzès beherrscht werden.
Viele Reisende haben sich schon in Uzès verliebt und kommen immer wieder gerne hierher.
Warum wohl? Sie erliegen dem Charme einer besonderen Stadt am Rande der Provence und nahe am Pont du Gard.
Beherrscht wird die Altstadt, von einem teilweise platanenbestandenen Boulevard umschlosen, vom Schloß der Herzöge, der „Duché“. Die Gassen der Altstadt mit überraschend feinen Läden führen zur „Place aux Herbes“, rundum von Arkaden umgeben, besonders im Sommer ein zauberhafter Platz. Versteckt in der „Krypta“ nahe der „Duché“ findet man geheimnisvolle Reliefs aus dem 4. Jh.
Das Gegenstück zur alten Stadt mit dem Schloß bildet die Kathedrale Saint-Théodorit aus dem 17. und 19. Jh. Von der romanischen Kirche blieb nur der runde Glockenturm, einzig in Frankreich, mit sechs Rundbögen-Geschossen: „La Tour Fenestrelle“. Er blickt auf eine großzügige Parkanlage mit alten Bäumen: die „Promenade Jean Racine“; der Dichter verbrachte 22-jährig einige Zeit bei seinem Onkel, einem Geistlichen. Dort sollte der Dichter von seiner Theaterleidenschaft geheilt werden; zum Glück vergebens. Er fand übrigens die Nächte in Uzès schöner als die Tage in Paris!
Uzès (1987)
Von Gendarmen geleitet,
Le Tour de France
jagt vorbei:
Peleton et Maillot Jaune.
Geschundenen Knechten
erklingt als Heroen
Siegesgeschrei wie in Trance.
Fernab überm Grün
La Tour Fenestrelle:
Mauersegler und Schwalben
stürzen ins Licht,
ersinnt Racine
sein Gedicht
für Mademoiselle.

Kommentieren April 2nd, 2006
„Aksak“ heißt auf türkisch „stolpernd, hinkend“ und bezeichnet in der Musik den asymmetrischen 9/8 – Takt, wie ihn vor allem die Folklore des Balkans kennt. Béla Bartók und andere Komponisten haben „bulgarische Rhythmen“ usw. auch in die moderne Musik übernommen (und bereiten damit manchem „Klassiker“ rhythmische Probleme). Näheres findet man bei Wikipedia und in der Fachliteratur.
Hinter AKSAK verbirgt sich (auch) eine wunderbare „provenzalische“ Musikergruppe rund um Apt im Departement Vaucluse. Sie spielt „Folklore“ der Balkanländer in mehr als nur traditionellem Sinn, denn sie steigert Instrumentalmusik und Gesang, Tanz und Auftritt zur großen Kunstmusik.
Jeder der fünf Musiker, die schon lange zusammenspielen und mehrere CDs eingespielt haben, ist ein Meister seiner Instrumente und hat große Erfahrung mit zeitgenössischer E- und U-Musik. Isabelle Courroy spielt neben dem Akkordeon vor allem Querflöte und die traditionellen Hirtenflöten der Balkanländer, Kaval genannt. Christiane Ildevert beherrscht virtuos den Kontrabaß. Die drei Männer der Gruppe spielen besonders schön und klangvoll als Ensemble mit Klarinette, Saxophon und Trompete. Der Klarinettist Philippe Franschesci, Chorleiter, spielt auch „Bratsch“, ein dreisaitiges Streichinstrument, und tanzt und singt wie alle Mitglieder der Gruppe. Der Saxophonist Patrice Gabet ist Spezialist für Violinen, vor allem in der Tradition des Balkans und des vorderen Orients. Lionel Romieu schließlich beherrscht neben der Trompete und der Gitarre verschieden Arten von östlichen Zupfinstrumenten, so z. B. die „Tambura“, eine Art Mandoline.
Die Musiker sind viel im Osten unterwegs und singen auch in den fremden Sprachen. Neben dem künstlerischen Anliegen reizen sie auch pädagogische Fragen. Was dem Zuschauer besonders auffällt, ist die Art ihrer Haltung, sofern sie nicht vom Instrument abhängt, nämlich betont aufrecht, die Beine geschlossen, dennoch locker und biegsam, den Tänzer und Sänger verratend: Augenweide und Ohrenschmaus zugleich.
Kommentieren March 30th, 2006
Vermeide das „Zuschauen“ und schon gar das „Beobachten“ – vielmehr „Dabeisein“; „Teilnehmen“; „Teilhaben“ (Udine, Nacht)
So lese ich in Peter Handkes „Gestern unterwegs“, Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990,
Salzburg und Wien 2005, S. 452 und 426
Der Wind am Ende des Markttags über den Platz wehend wie bestellt, die flatternden Papiere auf dem Platz, die zerquetschten, die haftenden, die ganzen, die rollenden Früchte, das Sichbauschen des Verpackungsstrohs, der Sägespänespiralen, die großen Aufwirbelungen im Leeren, auch Menschenleeren, das Zerkrachen des Kistenholzes unter den Rädern der Autos, das endliche Für-sich-Sein der Platanen, des Wassers: die Wiederkehr jenes sich leerenden Marktplatzes, wo ich saß mit meinem Kind allein vor fünfzehn Jahren, samt der beglückenden Verlassenheit - und diese kehrt nun wieder, als Offenheit, samt dem Platzen der weggeworfenen Früchte jetzt, noch und noch, unter den Reifen
Kommentieren March 24th, 2006
„Der Mistral wehte. Er fegte den Himmel rein, wehte die Schwüle, die Wolken fort. Der Horizont war unermeßlich hoch, vom reinsten Blau. Und in dieser klaren Luft waren die Bäume sturmgepeitscht, Felder und Sträucher wie das erregte Meer; das Automobil war auf der Landstraße kaum in der Spur zu halten, man mußte gegen den Wind steuern, man fühlte noch in den Händen seine unwahrscheinliche Gewalt.“
So wie hier Wolfgang Koeppen, der Weitgereiste, in „Reisen nach Frankreich“ (Frankfurt 1986, S. 77-78) berichtet, liest man es allenthalben in Briefen, Tagebüchern, Reiseführern. „Der Kalte, der Nordwind, der Schlammtrockner, der Aufklärer“, neben der Durance und dem Parlament in Aix die dritte „Geisel der Provence“, weht bekanntlich drei oder sechs oder neun oder zwölf Tage, was bekanntlich auch nicht stimmt. Er bringt immer Kälte, oft Kummer, Kopfschmerz, Ernüchterung, aber auch Erhellung und Fernweh. Er putzt den Himmel sauber und läßt die Sterne blitzen. Fernes rückt nah, Klarheit herrscht. Wehe, Du mußt im Mistral Oliven oder Mandeln ernten, den Wein schneiden, die „Tour de France“ fahren – oder gar ein Zuckerpüppchen ausführen! Aber schön, mit ihr im Windschatten in der Sonne zu sitzen! Was will der kalte Nordwind den Provenzalen sagen?
Den Männern sagt er: „Ihr seid Memmen!“ Den Frauen sagt er: „Das Paradies ist auf immer verloren!“ Die Provence ist kein Land für romantische Träumer, sie ist ein Land für zupackende Realisten. Dazu trägt der Mistral ein gut Teil bei. Die Meteorologen wissen das genauer: Kalte Polarluft strömt von Norden ein und wird von den Pyrenäen, Cevennen, Alpen in die Täler gezwängt, wo die Winde bis 100 km / h (in Böen noch mehr) entwickeln. Streng genommen ist der Mistral der kalte Nordwind im Rhônetal, aber auch Cevennenwinde und Nordwinde aus den Alpen werden so genannt. Die Bauern fürchten die Austrocknung, die Auszehrung, die Feuerwehrleute noch mehr die Waldbrandgefahr!
Für mich war in stürmischen Jugendzeiten Nietzsches „Mistral“ die erste Begegnung. Bei der großen Wanderung 1960 blieben wir verschont, aber später lernte ich den Mistral kennen. Beim ersten Winteraufenthalt kämpften wir gegen ihn an, so wie viele Male später: vornüber gebeugt, mit den Armen rudernd, und heimwärts fast wie im Stolperfluge! Vorsicht auf den Klippen, am Rand der Abgründe: der Mistral ist eine Teufelsmacht! Wir genossen ihn als Rückenwind auf der Anfahrt von Lyon und verfluchten ihn als Gegenwind nordwärts. Wir hofften auf ihn, abgeschwächt, beim Anflug über die Bucht von Marseille nach Marignane. Und wir vergessen nie, weitere spannende Umstände beiseite, jene Februarfahrt der Stuttgarter Antiquitätenhändler mit Karin in die Provence: Hinter Orange fuhr T. ostwärts durch die Ebene Richtung Carpentras, im Hänger unter der Plane das Motorrad! Mit Urgewalt packte plötzlich eine Mistralböe zu, der Hänger schlingerte, brach aus der Spur, neigte sich seitwärts, kippte. Freundliche Franzosen halfen!
An den Mistral.
Ein Tanzlied.
Mistral-Wind, du Wolken-Jäger,
Trübsal-Mörder, Himmels-Feger,
Brausender, wie lieb’ ich dich!
Sind wir Zwei nicht Eines Schoßes
Erstlingsgabe, Eines Loses
Vorbestimmte ewiglich?
Hier auf glatten Felsenwegen
Lauf’ ich tanzend dir entgegen,
Tanzend, wie du pfeifst und singst:
Der du ohne Schiff und Ruder
Als der Freiheit freister Bruder
Über wilde Meere springst.
Kaum erwacht, hört’ ich dein Rufen
Kommentieren March 23rd, 2006
Am einfachsten war der Umzug für Dackel Joki, ist er doch sozusagen ein Weltbürger und in Frankreich so herzlich willkommen, daß niemand etwas von ihm wissen will, allenfalls mit schnalzendem „salut“ und strahlenden Augen die Jäger. Er brauchte also lediglich von der deutschen Hundesteuerpflicht entbunden werden, hierzulande bewegt er sich, vor allem der verrückten „chasseurs“ wegen, steuerfrei! Und seine Haftpflicht ist bereits ohne Rückfrage in der Versicherungspolice unseres Hauses inbegriffen. Joki hat das verdient, schließlich ist er ja als echter Provenzale zur Welt gekommen, wenngleich auch mit schwäbischen Preisträgern in der Ahnentafel.
Für Karin und Peter erwies sich die Übersiedlung zunächst auch als harmlos, immerhin sind sie Bürger der Europäischen Union und zahlen mit gleicher Münze! In Stuttgart genügte die Abmeldung auf dem Rathaus, aber hier gilt es nun die „Carte de Séjour“ zu erwerben!
Vom Finanzamt wollen wir noch nicht reden, das wird erst in einem Jahr zur echten Aufgabe. Als pensionierte Beamte bleiben wir weiter in Deutschland steuerpflichtig, werden allerdings in Steuerklasse I eingestuft, wenn wir nicht den „Antrag auf Behandlung als unbeschränkt einkommensteuerpflichtiger Arbeitnehmer nach § 1 Abs. 3, § 1a EstG“ (mit Anlage Grenzpendler EU/EWR zum Antrag auf Lohnsteuerermäßigung), unterschrieben vom französischen Finanzamt, in Stuttgart vorlegen; diese große Gefahr ist erfolgreich abgewendet! Unsere Steuererklärung müssen wir mit neuer Nummer künftig beim Finanzamt Stuttgart Körperschaften abgeben; schön, einmal körperlich-fiskalisch erfaßt zu werden!
Wir sammeln so nach und nach die Unterlagen und verfertigen einige Übersetzungen; so lernt Peter zum Beispiel, daß der Standesbeamte ein „officier d´état civil“ ist. Da liegen jetzt vor:
Kopien unserer Personalausweise, Kopien unserer Geburtsurkunden (bei Karin in Sütterlinschrift!), Kopie der Heiratsurkunde, je vier Passbilder, Bestätigungen zur deutschen Krankenversicherung, Kopien unserer Pensionszahlungen (und eine Bescheinigung der französischen Bank über monatliche Eingänge), die Abmeldung aus Stuttgart (wird hier aber nicht gebraucht), Kopien zur Telefon- und Wasserrechnung, Kopien der Taxe d´habitation und natürlich eine Menge (unbestätigter) Übersetzungen.
Wider die Auskünfte unserer Mairie konnten wir die Anträge im Februar nicht direkt bei der Préfecture des Départements Vaucluse in Avignon abgeben, und so begann der Dienstweg für unsere Unterlagen, verzögert durch zwei Reisen und insbesondere die französischen Banknachweise, erst am Freitag, 8. März 2002 auf unserer Mairie, und er wird auch ohne Nachträge viele Monate dauern! Anfang Mai ist der erste fällig: Aus irgendeinem Grund hat irgendwer unsere Anträge neu geschrieben, und jetzt fehlen natürlich unsere Unterschriften. Außerdem konnte die Wasserrechnung wegen der Stuttgarter Adresse nicht anerkannt werden, doch finden wir zum Glück eine neue Telefonrechnung mit der hiesigen Adresse. Das ist jetzt der Nachweis, daß wir tatsächlich hier wohnen – wäre das nicht auch eine geniale Lösung für das deutsche Einwohnermeldewesen?
Dann kommt am 10. Juni Post aus Avignon, und am Freitag, 14. Juni halten wir unsere vorläufige „Carte de séjour“ in Händen, die endgültige schließlich Ende Juli, aber nur Peter. Karins Karte blieb irgendwo auf dem Amts- oder Postweg liegen – oder sie darf gar nicht hier bleiben, dann müßte Peter halt auch wieder gehen … (erhalten Ende September!)
Am spannendsten wurde es aber doch für unseren Opel Astra Caravan! Er ist ja global zu sehen: Opel – General Motors mit Produktionsstätten und Vertrieb weltweit und braucht in Frankreich eigentlich nur eine neue Zulassung („Immatriculation d´un véhicule“); Kfz-Steuer zahlen wir hier nicht mehr. Vielleicht ist deshalb das Verfahren so verfahren? Wir wurden mehrfach gewarnt: Du rennst von A nach B. Du brauchst immer neue Stempel. Das kostet bald 2000 F – oder mehr. Deine Karre guckt eh keiner an, Hauptsache du hast genügend Papiere. Du mußt nach Avignon. Nein, es genügt Apt. Die behalten ohne Bestätigung sogar den Kfz-Brief ein! Es dauert auf alle Fälle!
Es folgt die Liste der notwendigen Papiere (alle zweifach, z.T. Originale mit Kopie!), versehen mit Kommentaren und einigen Erlebnisberichten:
Der eigentliche Antrag auf Zulassung, nur eine einzige (1) DIN A4 – Seite mit drei Seiten Kommentar,
Kopien von Kennkarte oder Paß und Führerschein,
Aufenthaltsgenehmigung u.ä. (wegen Deiner Person) – entfällt neuerdings,
Versicherungsnachweis in Frankreich,
Wasser - oder Telefonrechnung o.ä. (wegen Deines Wohnortes) – entfällt neuerdings,
Rechnung über den Autokauf,
Original-Kraftfahrzeugbrief und –Kraftfahrzeugschein samt Kopien,
Eine Bestätigung des Herstellers über den Fahrzeugtyp, ob konform mit den französischen Bestimmungen
Bei der Opelwerkstatt in Apt werden wir auf die Opel-Zentrale in Paris verwiesen, aber statt des erbetenen Zertifikats kommt postwendend die Aufforderung zwei Bögen DIN A4 auszufüllen, die Fahrzeugdokumente in Kopie und einen Scheck über 120 € beizulegen, um den nötigen Stempel zu erhalten! (Abgesandt am 7.3., zurück am 11.4.!) Nach vier Wochen halten wir das begehrte Konvolut in Händen: Anschreiben, zwei weitere Briefe wegen Dingen, die sie (bei 120 €!) nicht wissen und deshalb ein Teil-Attest, dazu vier Seiten allgemeine und dreizehn (13) Seiten spezielle Beschreibung. Das heißt weitere Anträge an D.R.I.R.E., die sog. „Mines“, mit Scheck!
Französischer „TÜV“-Bericht
Die „Contrôle téchnique“ wird von privaten Werkstätten gemacht, unsere gehört zur Dekra. Der Monteur war so gründlich wie freundlich und verlangte nach rund 45 Minuten rund 50 € (man vergleiche den Stempelpreis bei GM France!). Zum Glück war alles in bester Ordnung (TÜV in Stuttgart vor einem knappen Jahr), auch kein Rost, und nur zwei Kleinigkeiten sind gelegentlich nachzustellen. Der neue Aufkleber prangt an der Windschutzscheibe, der nächste Termin in zwei Jahren wird später in die „Carte grise“ eingetragen.
Am 12. 4. bekommen wir auf der Sous-Prefecture in Apt unsere unvollständigen Unterlagen gleich wieder mit; einiges fehlt noch, und es gibt offensichtlich neue Papiere, andere entfallen dafür. Auch muß wiederum ein Scheck eingereicht werden!
Demande d`Identification, ein Formular über die Fahrzeugdaten
Chèque de 67€ 38C für D.R.I.R.E.
Attestation de levée des sceaux (Consulat d´Allemagne)
Für des gesetzestreuen Deutschen tun sich am Montag drauf Fallgruben auf und die Verführung zur Illegalität: Für die französische Zulassung brauche ich vorher den Nachweis des Konsulats in Marseille, daß die deutschen Schilder „entsiegelt“ sind und das Fahrzeug abgemeldet wird. Das heißt entweder alles weitere per Post oder mit Leihwagen (Marseille und Apt) erledigen und dazwischen auf das Fahrzeug verzichten, oder einige Zeit ohne gültige Nummernschilder herumzufahren. Zum Glück entschließe mich zu letzterem – es ist nämlich legal – , nachdem ich eine französische Versicherung abgeschlossen habe, was ich natürlich bei der Zulassung auch nachweisen muß. So kommt Peter zu einer Frühlingsfahrt nach Marseille, gut 100 km in eineinviertel Stunden, wird im Konsulat freundlich bedient, erfährt endlich Genaues über manche Unterlagen, und gegen 52 € werden die Siegel abgekratzt, der Wagen in Stuttgart abgemeldet, der Kfz-Brief entwertet und alles für die französische Behörde vom Konsul höchstpersönlich bestätigt. Zum Glück war es eine angenehme Reise, am schönsten am Meer entlang, und unterwegs konnte von Ikea noch eine Lampe mitgebracht werden.
Attestation des impôts (quitus fiscal)
Tags darauf wird auf dem Finanzamt das Formular „Quitus fiscal“ ausgestellt, haargenau, obwohl es vermutlich nur um Neuwagen geht, für die eine weitere Mehrwertsteuer entrichtet werden muß (?). Und das Wunder geschieht: die zuständige Stelle in der Sous-Préfecture Apt nimmt meine Anträge samt Kopien entgegen, bescheinigt, daß ich mit den entstempelten Kennzeichen fahren darf und läßt uns auf ein gnädiges, aber nicht unbilliges Ende hoffen!
Aus Avignon kommt von der D.R.I.R.E (Direction Régional de l´Industrie de la Recherche et de l´Environement) – vormals auch für Bergwerke zuständig, so daß das letzte Wort „mines“ vermutlich zur landläufigen Abkürzung wurde – die Aufforderung am 2. Mai um 8 Uhr das Fahrzeug vorzuführen. Zusammen mit Lastwagen- und Busfahrern und einem ähnlichen Opfer („Das dauert ein Jahr!“) stehen wir im strömenden Regen vor den zugigen Hallen, an deren Seite unser Opel „untersucht“ wird, indem erneut alle Nummern nachgeschaut werden, einiges anhand des sog. TÜV-Berichtes angekreuzt wird und zuletzt doch einige Kleinigkeiten (auch „Lärm“ des Motors!) ungeklärt bleiben, aber jetzt nicht etwa untersucht und gemessen werden, sondern mit neuem Dossier der höheren Instanz in Marseille vorgelegt werden, was einige (!?) Tage dauern werde. Dann erhalte ich noch meinen Scheck über 67, 38 € zurück und stelle dafür einen neuen über 86, 90 € aus, denn man hat mal flugs die Gebühren erhöht.
Wir unternehmen unsere Pfingstreise in die Toskana noch mit den alten Schildern und vertrauen darauf, daß das möglich ist oder daß es keiner merkt; selbstverständlich bereits mit der grünen Versicherungskarte bewaffnet. Kurz darauf, gerade von einem Einkauf in Avignon zurück, kommt der Brief, daß ich die „carte grise“ auf der Préfecture in Avignon abholen könne! Leider kommt noch eine Reparatur dazwischen, doch dann ist es soweit:
Mit dem reparierten Auto fahre ich sofort nach Avignon und ziehe gegen 10.30 Uhr am Schalter die Nummer 107, vor mir wird der 64. Antragsteller aufgerufen; da das Amt von 11.30 Uhr – 14.15 Uhr Mittagpause macht, kehre ich sofort zurück. Am Donnerstag ist ausnahmsweise geschlossen, somit kommt die nächste Fahrt nach Avignon, Entfernung mehr als 40 km, am Freitag, 14. Juni frühmorgens ist es soweit. Um 8.15 Uhr reihe ich mich in die Warteschlange ein und ziehe um 9 Uhr die Nummer 11 – geschafft! Von wegen: an der Ausgabe schickt man mich zum Schalter zurück, das Wichtigste fehlt, die Angabe der puissance fiscale! Ich schimpfe ein bißchen herum, die freundliche Dame zuckt mit den Schultern, doch dann bekomme ich meine begehrte „carte grise“ mit der Nummer 8831 XD 84 und zahle für 5 chevaux 140 €! Später entdecke ich auf dem Schreiben von „Les Mines“ den Eintrag Puissance „0“! Hat mich der französische Staat jetzt betrogen? Noch vor der Heimkehr lasse ich mir die neuen Schilder anbringen, nicht zuletzt in der Vorfreude, daß mich jetzt andere Verkehrsteilnehmer als Franzosen und nicht mehr als Deutschen kritisieren oder gar beschimpfen …
Unsere Gesamtrechnung von rund 450 € erhöht sich noch um diverse Porti, eine Menge an Kopien und zahlreiche kleinere und größere Fahrten, zusammen mindestens 500 km, hin und her in unserer schönen neuen Heimat, gut und gerne also 500 € = 1000 DM = 3200 FF!
Kommentieren March 19th, 2006
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