Gott erhalte dich, liebes Cucuron!
July 11th, 2006
„Gott erhalte dich, liebes Cucuron, und schütze dich vor dem vermeintlichen Fortschritt.“
Wohl alle, die das verträumte Dorf am Südfuß des Großen Luberon kennen, werden dem frommen Wunsch zustimmen, mit dem Marcel Pobé 1962 die Götter um Hilfe bat. Damals erschien einer der besten Provenceführer im Walter-Verlag in Olten und Freiburg i. B., geschrieben von Marcel Pobé und illustriert mit 191 Schwarzweißfotos von Josef Rast: „Provence, Führer durch das Land im Licht“. Vor Jahrzehnten haben wir das Dorf oft besucht, wenn wir mit den Kindern und Freunden zum Baden zum „Ètang de la Bonde“ gefahren sind. Da saßen auch wir unter den riesigen Platanen am großen Wasserbecken, um von der Natur (man wähnte sich am Ètang de la Bonde mit seinen Pappeln und Weiden am Ufer wie an einem oberbayrischen See) allmählich in die Kultur (Café, Kirche, Museum, Ruine, Markt) zurückzukehren. Heute schmückt ein großes Foto die Wand des Cafés: Der Husar auf dem Dach, genauer: auf den Dächern von Cucuron, denn ein Teil des Films nach Gionos Roman wurde hier gedreht (anderes z. B. auf der Hochfläche des Contadour).
Bleiben wir kurz beim Kino: ist es nicht schön, plötzlich Bekanntes im Film zu entdecken? Wir sahen einmal einen ziemlich doofen Krimi, der uns rund um Roussillon solche, durchaus reizvolle Bekanntschaften bot – und auch Überraschungen. Wie fährt man vom Ockerdorf Roussillon mal kurz ans Meer? Ja, richtig: die Serpentinen hinab ins Tal, dann auf der Straße, die von Carpentras hoch über den Gorges de la Nesque nach Sault führt, kurz aufwärts und wieder hinab zum Städtchen am Meer! So haben wir zu den gut anderthalb Stunden, die wir bräuchten, noch einmal zwei Stunden Umweg hinzugefügt! Der Knalleffekt aber war, daß die Hauptdarstellerin, kochend vor Wut und Eifersucht, eine von Uwe Krauses Vasen zu Boden warf, daß die Längsstreifen des Dekors regelrecht zerblitzten. (In der Auftaktszene des Films schmückt sich eine außergewöhnlich schöne Töpferin, später ermordet, in ihrem außergewöhnlich modernen Haus mit fremden Federn: Töpfereien von Uwe Krause aus Goult, der auch das Teil vorbereitete, an dem sie kurz arbeitet).
Aber zurück zur Szene: Einmal erlebten wir das (verbotene) Bad einer schwedischen Touristin im Wasserbecken von Cucuron. Gewiß, es war sehr heiß, aber der Weg zu Anita Ekberg war weit (und zur Fontana di Trevi noch viel weiter). Man besuche die große, alte Kirche „ND de Beaulieu“ (begonnen im 13. Jh.) am einen Ende des Dorfes, die Burgruine mit dem Bergfried am anderen, dazwischen der Glockenturm. Man schlendere durch die Gassen, stöbere auf dem Brocante oder dem Wochenmarkt, man besuche das Museum und die alte (und neue) Ölmühle. Man fühlt sich bald wohl in dieser provenzalischen Gegenwart voller provenzalischer Erinnerungen.
Wir erlauben uns zum Schluß einen literarischen Hinweis: Bernhard Schlink (ja, der mit dem „Vorleser“!), Die gordische Schleife (richtig: nicht Knoten!), Diogenes Verlag Zürich, erstmals 1988. Man sollte die Reklame mit dem provenzalischen (Kriminal)Roman nur zu einem guten Drittel ernstnehmen, denn danach kommen New York – Fans auf ihre Kosten, aber man findet, neben anderen schönen Beschreibungen von Land, Leute, Liebe, auch eine von Cucuron:
- „Über Mittag fuhr er nach Cucugnan. Es erstreckt sich über zwei benachbarte Hügel, den einen krönt die Kirche, den anderen die Ruine einer Burg. Um das halbe Städtchen führt noch die alte Mauer, Häuser lehnen sich daran oder stützen sich darauf. Wenn Georg mit dem Auto über die holprigen Wege fuhr und mehr noch, wenn er den halbstündigen Marsch durch die Felder machte und Cucugnan dann in den Blick kam, ocker in der Sonne leuchtend oder grau unter die Wolken geduckt, immer behäbig, heimelig, verläßlich, dann stellte sich wieder das gute Gefühl ein, das er beim ersten Besuch gehabt hatte. Vor dem Stadttor liegt der étang, ein großer, rechteckiger, ummauerter, von alten Platanen gesäumter Teich. An der stadtzugewandten Schmalseite ist der Marktplatz, daneben stellt die „Bar de l’étang“ vom Frühjahr bis zum Herbst die Tische raus. Hier ist es im Sommer kühl; im Herbst lassen die Platanen die Blätter rechtzeitig fallen, und man kann noch in der letzten Sonnenwärme draußen sitzen. Auch dieser Platz war heimelig.“
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