Wind-, Sicht-, Lärm- und Diebstahl-Schutz
August 19th, 2006
Überall dort, wo die Rhône Schwemmland ausgebreitet hat, ziehen unzählige Hecken und Baumreihen, zumindest zeitweilig Zäune aus Schilfrohr oder Bambus durchs Land: Windschutz gegen den Mistral, deshalb stets von Ost nach West reichend. Da wechseln, dichtgepflanzt, dunkle Zypressen mit wilden Pflaumen ab, blauschimmernde Nadelhölzer mit Pappeln. Landstraßen, oft noch von Platanen gesäumt, und schmale Feldwege, Kanäle und Wassergräben, Eisenbahnlinien und Schnellstraßen durchkreuzen und durchkurven wahllos und wild diese riesengroß ausgebreitete Parallelenschar. Dazwischen die Punkte der Häuser, klein die „Cabanons“, größer die „Mas“, wie Flecken (schwäbisch für Dorf!) die „hameaux, villages, villes“. Schön zu schauen von den Bergeshöhen entlang der Rhone, vom Luberon und den Alpilles, oder von den vielen Heißluftballons, die manchmal recht indiskret über den Pool oder am Fenster vorbei „fahren“; noch schöner im Luftbild vom Flugzeug aus, wenn Marignane den Abflug oder Anflug bestimmt. Wer genauer hinschaut, bemerkt, daß dieser Windschutz aus Hecken und Bäumen dort am dichtesten steht, wo Gemüse und Obst angepflanzt wird. Schon schütterer die Reihen, um den Wein zu schützen, noch weniger bei Getreideäckern und Grasland, und kahl zuletzt die Steinwüste der Crau. Und wie wohnt sich’s hinter der Hecke? Windgeschützt und mit sehr begrenzter Aussicht!
So war es schon lange in der Provence, denn der Windschutz war nötig – aber der Sichtschutz? Das ist ein neueres Kapitel in der Landschaft, denn jetzt tritt zur gewohnten Hecke im Norden eine weitere im Süden, auch wenn dahinter nichts Nennenswertes angepflanzt wird. Und im rechten Winkel schließen Hecken auch nach Osten und Westen. So markiert vor allem der ehemalige Städter sein ländliches Terrain: „Hier bin ich! Du sollst sehen, was mein ist, aber über die Hecke schauen sollst Du nicht, ich laß sie schon hoch genug wachsen.“ Manche markieren ihr neu gekauftes Land mit kleinen Zypressen oder ähnlichen Pflanzen (und wundern sich, wenn Diebe sie ausgraben, um sie zu verkaufen oder bei sich einzupflanzen). Unser Häuschen war früher auch ein bißchen wind- und sichtgeschützt: Zwischen den beiden Weinfeldern im Rücken des Hauses verläuft ein Graben, der das Wasser der Wolkenbrüche aufnimmt und ableitet. Dem entlang wuchsen früher Pappeln, frisch grün im Frühling, später Samenschnee schneiend, zuletzt gelb im Blätterfall und kahl im Winter. Nachdem der Sturm dürre Äste auf die Reben geworfen hatte, einmal auch ein Stämmchen zwischen sie gestürzt war, sägte unser Bauer leider alle Pappeln ab. Vorbei war die Erinnerung an Monets Frühlingsbilder, und die ferne Landstraße war näher gerückt. Entlang des hinteren Weinfeldes wuchs bis vor einigen Tagen eine Reihe wilder Pflaumen am Rand unserer Straße, einst als Windschutzhecke gepflanzt. Die gelben, roten und violetten Früchte schmeckten nicht schlecht, und viele Vögel fanden Schutz in der Hecke, gar einen Nistplatz. Jetzt waren die ersten Bäumchen dürr geworden und umgestürzt, und der junge Bauer hat alles kurzerhand herausgerissen und zu einem riesigen Haufen zum Verbrennen aufgetürmt. Da dort seit einigen Jahren Getreide wächst, wird er auch keine neue Hecke mehr pflanzen. Wer von Norden heranfährt, erblickt nun von der Furt aus unser Häuschen mit all seinen Anbauten in voller Breite (eigentlich Länge). Schade, wir wären gerne versteckter geblieben (aber auch die Schilder unserer schwedischen Nachbarn weisen deutlich auf uns: „Mas Rabassan“; doch das ist eine eigene Geschichte).
Lärmschutz gibt es an manchen Autobahnabschnitten und gelegentlich entlang der TGV-Trasse, aber bei uns „auf dem Land“ nicht, das ist auch nicht nötig: Die Landstraße ist genügend entfernt, man hört allenfalls mal kurz röhrende Motorräder, und unser Sträßchen ist wenig befahren. Das heißt, den meisten Krach macht der bellende Joki, unser Dackel! Der lärmt besonders laut, wenn die Heißluftballone am Himmel sind, gleichgültig ob bedrohlich nahe oder weit entfernt. Ihm genügt das Zischen der Gasflamme und erst recht der Eindruck am Himmel: hier stimmt was nicht! Aber etwa alle zwei Wochen gibt es Lärm durch Flugzeuge; das seien Flugschüler aus Istres, erklärte man uns, die allerdings regelmäßig ihr Übungsfeld wechseln müssen: danke! Und gelegentlich jagen unsere „Impôts“ (die Steuern) brutal dröhnend durch die Lüfte; das sind Mirages und andere gräßliche Kampfflugzeuge. Die Flugplätze Salon und Orange sind nicht weit. Und manchmal ziehen sie auch die Trikolore in Gestalt ihrer Kondensstreifen durch den Himmel.
Und die Diebe? Man lese einfach mal wieder die Geschichten aus dem „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“ von Johann Peter Hebel! Den Zundelheiner, den Zundelfrieder und den roten Dieter gibt es auch hier! Trotzdem umfrieden manche reiche Leute ihr Grundstück mit Mauern (Handarbeit, besonders teuer) und Zäunen (auch bei 2 m Höhe noch deutlich billiger) und schützen sich mit allerlei Warnanlagen. Auch wir installierten nach einem Einbruch eine Alarmanlage, aber manche Diebe kommen lieber am hellen Tag, wenn alles offensteht und die Leute abgelenkt sind. Bei uns halfen an einem Sonntagnachmittag, wir selbst waren verreist, weder zwei ältere Gäste am Pool, noch drei jüngere „Haushüter“ vor dem Haus, noch drei (!) schlafende Hunde, als die dreisten Diebe durchs Weinfeld von hinten anfuhren und ins Haus einstiegen. Am schönsten sind die großen Tore großer Anwesen, neben denen man über Gräben, Hecken, Felder oft doch noch aufs Gelände fahren kann! Übrigens schützen die Elektrozäune Pferde vor dem Ausbruch, Wildschweine vor dem Einbruch (wobei sie allerdings gespritzte Melonen verschmähen).
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